DIE ZEIT: Pater Mertes, nach drei Monaten Kampf gegen Missbrauch und Vertuschung: Was ist Ihre größte Kritik an den deutschen Bischöfen?

Pater Klaus Mertes: Die Angst ist das Hauptproblem. Ich kenne sie auch von mir. Die Bischöfe, die sich selbst als Opfer darstellen, diskreditieren die gesamte Kirche.

ZEIT:  Was ist Ihre größte Kritik an der Kurie?

Mertes: Dass sie ein Raumschiff ist, das den Bodenkontakt zu verlieren droht.

ZEIT:  Ihre größte Kritik am Papst?

Mertes: Ich habe großen Respekt vor Benedikt XVI., weil er in der Frage des Missbrauchs keine Angst vor der Wahrheit gezeigt hat. Ich wünsche ihm, dass er in Kritik an der Kirche noch mehr auch Liebe zur Kirche entdecken kann.

ZEIT:  Ihre größte Kritik an Walter Mixa?

Mertes: Wir dürfen Opfer nicht diskreditieren, wie er es tat.

ZEIT: Im Januar haben Sie an Ihrer Schule erstmals Missbrauchsfälle aus den siebziger und achtziger Jahren öffentlich gemacht. Wie schauen Sie auf den Sturm, der daraus erwachsen ist?

Mertes: Voll Erstaunen. Ich denke mir manchmal, so läuft Geschichte von unten. Gerade weil sie nicht geplant ist, entwickelt sie eine ganz besondere Dynamik. Das Thema des Missbrauchs enthält alle wesentlichen Fragen der christlichen Spiritualität.

 Das Schuldbekenntnis ist nötig für die Versöhnung

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Mertes: Das erste große Thema, das dort anklingt, ist das Thema Vertrauen. Und damit das Thema Glauben, denn Glauben ist Vertrauen. Darüber hinaus handelt es sich um Missbrauch durch Priester. Da ist die Fallhöhe höher als bei Missbrauch durch einen Sportlehrer, denn der Priester handelt nach katholischem Verständnis in persona Christi. Und damit ist natürlich das Verhältnis zu Christus berührt.

Die Bischöfe, die sich selbst als Opfer darstellen, diskreditieren die gesamte Kirche
Pater Klaus Mertes

ZEIT: Sie haben gleich damals im Januar gesagt, dass die Kirche eine "Täterinstitution" sei. Außer Ihnen ist niemand so weit gegangen. Die Gegenposition dazu lautet: Die Kirche ist heilig, sie kann daher per definitionem nicht schuldig werden.

Mertes: Für den Begriff der "Täterinstitution" halte ich nicht meinen Kopf hin. Jedoch: Wenn ich die Kirche als etwas Ganzes verstehe, kann ich mich nicht von einem Teil distanzieren. Der Hinweis auf "die da" und "damals" funktioniert nicht – weder technisch noch theologisch. Ich kann mich nicht von den Tätern distanzieren, denn sie sind meine Brüder.

ZEIT: Das sagen die Vertuscher aber auch!

Mertes: Die sind auch meine Brüder. Um mit einem praktischen Argument zu antworten: Ich kann den Opfern doch nur signalisieren, dass ich der richtige Ansprechpartner bin, weil ich mit der Tat etwas zu tun habe. Es gibt die stellvertretende Übernahme von Schuld. Dass sich jemand als schuldig bekennt, ist doch die entscheidende Voraussetzung für einen Versöhnungsprozess! Wie könnte ich sonst eine Entschuldigung aussprechen?

ZEIT:  Wenn wir über Macht sprechen: Wo ist in dieser Hinsicht der blinde Fleck der Kirche?

Mertes: Dass sexueller Missbrauch immer der Missbrauch von Macht ist. Das verbindet die sexualisierte Gewalt mit den sadistischen Prügeltaten.

ZEIT:  Was wäre ein adäquater Umgang mit kirchlicher Macht?

Mertes: Macht muss der Freiheit dienen, im Sinne des Freiheitsgesetzes vom Sinai (Moses erhielt dort der Überlieferung nach die Zehn Gebote, Anm. d. Red.). Ein Gegenbeispiel dafür wäre: Es steht keinem Menschen zu, einem anderen Menschen in der Autorität Gottes zu sagen, was er zu tun und zu lassen hat.

 Kein Priester kann Gott durch seine Person ersetzen

ZEIT:  Das darf auch kein Priester?

Mertes: Auch kein Priester.

ZEIT: Auch kein Papst?

Mertes: Auch kein Papst.

ZEIT: Da fängt der Missbrauch an?

Mertes: Mir fällt zu dieser Frage ein Symbol für die Spiritualität der siebziger Jahre ein, das mich immer zutiefst befremdet hat: Die aus Kriegstrümmern geborgenen Christuskörper, denen die Arme fehlen. Darunter stand immer: "Ich habe keine anderen Arme als die deinen." Es ist aber nicht die Aufgabe des Priesters oder des Christen, durch seine Person Gott zu ersetzen. Dieses aktivistische Christentum ist falsch.

ZEIT:  Ist das nicht der Abschied von einem politischen Christentum, das Sie womöglich einmal sehr angesprochen hat?

Mertes: Da ist meine Geschichte anders. Ich stamme aus einer Diplomatenfamilie und bin in der Sowjetunion aufgewachsen. Dort habe ich erlebt, was eine politische Religion ist, die das Reich Gottes auf Erden realisieren will. Mich hat der Marxismus an diesem Punkt sehr befremdet, auch der Marxismus der Befreiungstheologie. Ich bin erst später zu einem politisch verstandenen Christentum gekommen.

ZEIT: Wie sah das aus?

Mertes: Viele Jesuiten sind in die Flüchtlingslager gegangen. Unseren Dienst dort verstanden wir aber nicht als einen Dienst für die Flüchtlinge, sondern mehr als ein Dasein mit den Flüchtlingen. Ich habe ein halbes Jahr in Kalkutta im Slum gewohnt. Dort ist mir ganz klar geworden: Es ist eben ein Unterschied, ob ich eine Hilfsorganisation aufbaue, die etwas für die Armen tut, oder ob ich selbst arm werde. Mutter Teresa wollte aus einer Mystik der Armut heraus mit den Armen zusammenleben. Aus dieser Situation sind ihre Hilfswerke entstanden, nicht aus dem Wunsch, von oben nach unten etwas durchzureichen.

Die Kirche stellt die Frage nach der Sexualität noch nicht

ZEIT: Was unterscheidet Sie vom linken Aktivisten-Christentum?

Mertes: Dass die Begegnung mit den Armen mich beschenkt, nicht umgekehrt. Darin besteht politische Mystik.

ZEIT: Das sieht Joseph Ratzinger wahrscheinlich sehr ähnlich.

Mertes: Das weiß ich, und das freut mich.

ZEIT:  Was unterscheidet Sie vom Theologen und Politiker Ratzinger?

Ratzinger neigt dazu, die Moderne schlechtzureden
Pater Klaus Mertes

Mertes: Seine radikale Skepsis gegenüber einer angeblichen "Diktatur des Relativismus". Er neigt dazu, die Moderne schlechtzureden. In seiner Sprache wird manchmal eine Verletztheit von der Welt sichtbar, die mich schmerzt. Das macht ihn schwerhörig dafür, dass Gott auch durch die säkulare Welt zur Kirche spricht.

ZEIT: In den vergangenen Monaten hat sich viel verändert. Was fehlt noch?

Mertes: Wir sind in der konkreten Kommunikation mit den Opfern noch mitten im Prozess. Kirchlich gesehen fehlt noch eine geistliche und theologische Reflexion dessen, was geschehen ist. Was will Gott der Kirche in dieser Situation eigentlich über die Kirche sagen? Müssen wir die Lehre nicht weiterentwickeln? Doch wir stellen die Machtfrage noch nicht frei. Wir stellen die Frage nach Sexualität noch nicht frei.

ZEIT:  Haben Sie dafür ein Beispiel?

Mertes: Einer der Übergriffe am Canisius-Kolleg hat mit Masturbation zu tun. Die ist im Kontext der kirchlichen Lehre für die Betroffenen mit überwältigenden Schuldgefühlen verbunden gewesen. Die Fragen an die Lehre, die von Opferseite her nun kommen, müssen wir zulassen. Vielleicht müssen wir das Verhältnis von Leidsensibilität und Sündensensibilität neu austarieren.

 Alle Täter sind schuldig

ZEIT: Was bedeutet das?

Mertes: Vornehmlich sündensensibel, das ist eine alte Versuchung jeglicher Frömmigkeit, vor Gott mit reiner Weste dazustehen, weil man keine Regel gebrochen hat. Das aus dieser Sicht Schlimmste ist eine Sünde, also ein Regelübertritt. Aber Jesus übertritt Regeln, weil er merkt, dass die absolute Geltung bestimmter Regeln Leid verursachen kann. Das bedeutet Leidsensibilität.

ZEIT: Ist Pädophilie Sünde oder Krankheit?

Mertes: Es gibt Täter, die halten das, was sie taten, nicht für eine Sünde. Dennoch sind sie schuldig. Der Begriff der Krankheit hebt das Schuldhafte der Tat nicht auf. Und es gibt den Täter, der sich mit seiner Geschichte auseinandersetzt und Reue empfindet. Dem ist es wichtig, dass ich ihm nicht einrede, er sei eigentlich nur krank. Was oft passierte, ist: Der Täter wurde von innen als Kranker gesehen. Deswegen hat man ihn gedeckt und ihn sogar nach außen als Gesunden präsentiert. Dann hat man nach dem Therapeuten statt dem Staatsanwalt gerufen…

ZEIT:  …also in guter Absicht das Falsche getan.

Mertes: Mitleid mit dem Kranken ist etwas anderes als Mitleid mit dem Sünder. Da hat eine Verwechslung stattgefunden. Das Mitleid mit dem Kranken führt zu dem Impuls zu helfen. Die richtige Reaktion auf den Sünder ist hingegen erst einmal Zorn. Gott ist zornig auf den Sünder! Dem reuigen Sünder gebührt Mitleid.

Die Fragen stellten Georg Fahrion und Patrik Schwarz