Die 300 Kommunalbeamten lassen keinen Fremden mithören, wenn ihre Bezirksbürgermeister im Rathaus von Seongbuk gu Bericht erstatten. Schließlich war Korea über Jahrhunderte das "abgeriegelte Königreich", das sich aus Furcht vor japanischen Invasionen strikt von der Außenwelt isolierte. Traditionen sind langlebig. Doch irgendetwas stimmt da nicht bei der Rechenschaftslegung am 2. März 2010.

Der Redner, der am rostbraunen Pult seine Pläne erläutert, spricht zwar Koreanisch. Und auch so gut, dass die Würdenträger in den ersten Reihen vor ihren aufgeklappten Laptops ihm wohlwollend zunicken. Nur, wie ein Koreaner sieht er einfach nicht aus. Der Redner ist Deutscher. Der erste Ausländer, der ein Dongjang geworden ist. Will heißen: einer der Bezirksbürgermeister von Seouls Stadtteil Seongbuk gu. In diesem Bezirk wohnen so viele Menschen wie in einer größeren deutschen Stadt: 1,3 Millionen.

Hans-Alexander Kneider heißt der Mann, der die hohe Barriere der Geschichte übersprungen hat. Die ersten Voraussetzungen dafür erwarb der heute 54-jährige Professor einst in Bochum mit dem Studium der Koreanistik und Volkswirtschaft. Andere Anlagen, die er mitbrachte, haben sich in 22 Jahren Korea entfaltet: Charme, Höflichkeit, Engagement. Vor allem aber ist es die große, wenn auch nicht blinde Liebe des Nachtarbeiters zum "Land der Morgenstille". Abzulesen an seiner nächsten Umgebung: Kneider ist mit einer früheren Schönheitskönigin von Seoul verheiratet, die zwölfjährige Tochter wächst dreisprachig auf. Für sie hat der Familienmensch nun weniger Zeit, denn im Hauptberuf lehrt er deutsche Sprache und Literatur an Seouls Hankuk University for Foreign Studies.

"Er ist genau der Mann, den wir brauchen", sagt Seo Chan-kyo, Bürgermeister von Seongbuk gu. Brauchen, um zwischen den Koreanern und den 8500 Ausländern des Stadtteils Brücken zu bauen. Dafür ist der Dongjang Kneider jetzt zuständig. Den Vergleich mit einem Integrationsbeauftragten findet er schief. Migranten und Mischehen werden zwar gerade zum Problem der sich bisher so homogen fühlenden Koreaner. Doch gilt das vorerst nicht für Seongbuk gu. Wo sich dieser Stadtteil an Seouls Berge schmiegt, zieht es Künstler und Wirtschaftsvertreter hin, dort haben 34 Botschafter mit Familien und Personal ihre Residenzen. Die Stadtteilväter wollen nun einen "offenen kommunalen Ort schaffen, an dem Koreaner und die Bürger der ganzen Welt ihre Kulturen teilen können", wie sie es feierlich formulieren. Dafür haben sie – noch unberührt von Europas längst skeptischen Debatten – ein Multicultural Village Center geschaffen. Ein kleines, modernes Prachtgebäude, dessen erster Hausherr seit dem November der deutsche Bezirksbürgermeister ist.

Drei junge, elegante Damen verbeugen sich, wenn ihr Dongjang eintritt. Seit dem Dezember sind mehr als 2000 Besucher gekommen. In der bunt möblierten Cafeteria und dem technisch ausgefeilten Seminarraum können sie sich für Koreas Alltag präparieren lassen: wie sie das Handy anmelden, den Führerschein machen, die Abfallordnung einhalten oder das Steuer- und Finanzsystem durchschauen. Sprachunterricht und Kalligrafiekurse gehören zum Angebot. Neulich ist die Polizeichefin des Unterbezirks vorbeigekommen, um sich vorzustellen. Kneider hatte bei ihrem Vorgänger angeregt, sein Amt bei Delikten mit Ausländern einzubeziehen.

So tritt dieser Dongjang auf der kleinen kommunalen Ebene ein wenig in die Fußstapfen des Paul Georg von Möllendorf, der es 1882 zum ersten deutschen und westlichen Berater am so lange "abgeriegelten" Königshof gebracht hatte. Seine Geschichte und das Schicksal der etwa 300 ersten Deutschen in Korea werden in einem wissenschaftlichen Werk beschrieben, das gerade erschienen ist – spannend genug, um den etwas reißerischen Titel Globetrotter, Abenteurer, Goldgräber zu rechtfertigen. Sein Autor: Hans-Alexander Kneider.