Mark Twains Eltern waren so arm, dass sie schließlich ihre einzige Sklavin verkaufen mussten. Sie hieß Jenny, weiß der Himmel, was aus ihr geworden ist – Mark Twain, der meistens nicht sehr an die Vorsehung glaubte, wird bezweifelt haben, dass der Himmel Buch führte über schwarze Jennys. Die armen Eltern hießen Jane Lampton und John Marshall Clemens. Mark Twain hieß eigentlich Samuel und kam am 30. November 1835 zur Welt, als fünftes Kind, im Flecken Florida in Missouri. Mark Twain war ein Name, den er sich nach einem Ausdruck aus der Sprache der Mississippi-Lotsen gab, er selber war jahrelang ein solcher Flusslotse, man kann das alles überall nachlesen.

Im Alter, als seine Spaßhaftigkeit und sein rebellisches Wesen zu einem widerwillig abgeklärten finster-lässigen Sarkasmus geronnen waren, beschrieb er in einem kleinen Roman (der gerade unter dem Titel Knallkopf Wilson auf Deutsch erscheint), wie ein sehr unangenehmer junger Mann, der Spielschulden hat, seine Mutter als Sklavin in den Süden verkauft, sie heißt Roxy, eigentlich also Roxana, wer weiß (den Himmel jetzt beiseite), nach wem. Als sie auf dem Schiff ist, merkt sie erst allmählich daran, wohin das Treibholz geht, dass das Schiff nach Süden fährt – in den Süden verkauft zu werden war die Höllenangst aller nördlicheren Sklaven. Roxy hat nur ein Sechzehntel schwarzes Blut, einen hellen Teint, braunes Haar, ein schönes Gesicht.

Der kleine Roman ist ziemlich kompliziert, es geht um vertauschte Kinder, der Titelheld ist ein Anwalt, der Fingerabdrücke sammelt. Der widerliche Sohn begeht einen Mord, schließlich entlarvt ihn der verrückte Anwalt, er wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er hat aber ein Einunddreißigstel schwarzes Blut, und Schulden, und die Gläubiger sagen, er sei doch ihr Eigentum; "das leuchtete jedermann ein. Alle waren der Meinung, dass es ohne Zweifel gerecht wäre, Tom seine Strafe verbüßen zu lassen, wäre er ein freier Weißer – es bedeutete dann für niemanden eine Einbuße; aber einen wertvollen Sklaven lebenslänglich einzusperren – das war etwas ganz anderes. Sobald man dem Gouverneur den Fall erläutert hatte, begnadigte er Tom auf der Stelle, und die Gläubiger verkauften ihn flussabwärts in den Süden."

Samuel alias Mark Twain schlägt sich nach dem Tod des verarmten Vaters sehr gut durch, er macht eine Druckerlehre, schreibt gelegentlich, arbeitet als Lotse, dann, als der Bürgerkrieg und der rapide Eisenbahnbau die Mississippi-Schifffahrt weithin zum Erliegen bringen, im Silberbergbau und als Reporter. Sehr bekannt machte ihn eine Reihe von Zeitungsreportagen aus Hawaii; die Zeitung schickte ihn dann, 1867, zu weiteren Berichten dieser Art (amüsant, leicht anarchisch, etwas derb mitunter) mit einer Pilgergruppe ins Heilige Land. Der Schaufelraddampfer, der ihn dorthin brachte, hieß Quaker City, und mit ihm reiste ein gewisser Charles Langdon. Dieser hatte eine Elfenbeinminiatur dabei, das Bildchen stellte seine Schwester Olivia dar, und wie Tamino verliebte sich Twain auf der Stelle in Bild und Schwester.

Sie lernten sich kennen, sie sahen sich öfter, einmal zum Beispiel nach einer Lesung von Charles Dickens in New York (1866 war Dickens für zwei Jahre nach Amerika gekommen, er war fünfundfünfzig, weltberühmt und sicher ein leuchtendes Vorbild für Mark Twain).

Olivia muss ein wahrhafter Engel gewesen sein, ein schöner Engel überdies, und ihr Papa, siehe die Miniatur auf Elfenbein, war Millionär; mit Fleiß und Geschick – so heißt es in den kleinen hübschen Kommentaren zu dem Bändchen mit den zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichten Liebesbriefen – habe er es von einem kleinen Ladenbesitzer bis zum Millionär gebracht. Ich erinnere mich, dass Raymond Chandler, der lange Zeit im Ölgeschäft tätig war, einmal gesagt hat, es gebe keine anständige Methode, eine Million zu machen. Papa Langdon handelte mit Kohlen (wie schon Kaiser Vespasian gesagt hatte, macht Kohle nicht schwarz) und gehörte in seiner Gegend einem Kartell an, das den Kohlepreis künstlich hoch hielt und so mächtig war, dass freie Kohlenhändler trotz niedrigerer Preise nicht aufkamen; Mark Twain, als er für eine Zeitung arbeitete, die dazugehörte, lehnte Inserate freier Kohlenhändler einfach ab; natürlich hatte er dabei ein schlechtes Gewissen.