"Das bedauere ich" – Seite 1

Der Brief kam mit 40 Jahren Verspätung. Vor einer Woche, am 8. April 2010, lag er dann da, im Briefkasten seiner Villa am Comer See. Ein kleiner, handgeschriebener Brief, elf Zeilen lang. Es ist die Entschuldigung einer Mutter an ihren Sohn. Einer Mutter, die über Jahrzehnte Augen und Ohren verschlossen hat vor den Dingen, die ihrem Kind an der Odenwaldschule widerfahren sind, damals 1970, als 13-Jährigem. Der Sohn hatte sie zu dieser Entschuldigung fast gezwungen, hatte ihr angedroht, dass es so nicht weitergehe, dieses ewige Schweigen, dass doch endlich mal etwas von ihr kommen müsse. Der Vater war seit sechs Jahren tot, von ihm war nichts mehr zu erwarten. Nun erzählt der Sohn seine Geschichte.

Die Eltern als Mitwisser? Als Schutzmauer für den Missbrauch, den der Musiklehrer Wolfgang H. anderthalb Jahre lang täglich an ihrem minderjährigen Sohn Alexander begangen hat? Es klingt wie eine Ungeheuerlichkeit. Doch für Alexander Drescher gibt es daran seit dem Brief seiner Mutter keinen Zweifel mehr. Dass die Eltern ihn dennoch nach zweieinhalb Jahren wieder von der Odenwaldschule genommen haben, hatte andere Gründe. Seine Schulnoten waren von "sehr gut" auf "ungenügend" abgerutscht. Das war unverzeihlich.

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Wie muss man sich Eltern vorstellen, die ihrem Kind so etwas antun? "Mein Vater gehörte zum Frommel-Kreis, dem Nachfolgekreis Stefan Georges", sagt Drescher. Ein elitärer, homoerotischer Klub kulturbeflissener Männer, der sich einem "pädagogischen Eros" verpflichtet sah; einer besonderen Nähe von Lehrer und Schüler, die auch die moderne, reformpädagogische Idee der Nachkriegszeit stark beeinflusst hatte. Und nach der die Odenwaldschule modelliert war. Frommel besuchte den Vater regelmäßig am Comer See oder im Ferienhaus der Familie in Davos.

Der Vater war ein äußerst belesener Mann. Zu seinem großen Freundeskreis gehörte die langjährige ZEIT- Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff oder der Spiegel- Verleger Rudolf Augstein, der in der Villa der Dreschers am Comer See manchen Artikel schrieb und dessen erste Frau die Patentante von Dreschers Zwillingsschwester wurde. Der Vater hatte es in Italien nach dem Krieg mit einer Fabrik für Schreibgeräte zu Wohlstand gebracht.

Dass der Vater im Krieg bei der SS war, wusste keiner. Mit den Kindern wurde hierüber nicht gesprochen, überhaupt wurden die Gespräche mit ihnen auf ein Minimum beschränkt. Dass Alexander nach den Ferien auf die Odenwaldschule gehen würde, teilte der Vater dem Sohn vier Wochen vor Abfahrt mit.

Wie sehr der Musiklehrer H. mit seiner Definition von einem nahen Lehrer-Schüler-Verhältnis bei Dreschers Eltern auf Verständnis hoffen konnte, merkte der schon in den Sommerferien, die Alexander nicht mit den Eltern, sondern mit dem Lehrer in Italien verbrachte. Auf dem Hinweg machte der Musiklehrer mit seiner Schülergruppe bei den Dreschers am Comer See Zwischenstopp. Die Eltern unterhielten sich angeregt mit ihm. Am nächsten Tag reiste die Gruppe weiter. Auf dem Rückweg verging sich der Musiklehrer zum ersten Mal an dem 13-jährigen Alexander. Um am nächsten Tag ohne Scham erneut im Gästehaus der Familie Drescher einzukehren. Eine wahnwitzige Situation, doch Alexander Drescher ist sich heute sicher: "Mein Vater muss den Lehrer damals sofort durchschaut haben. Er kannte so viele Homosexuelle. Und er nahm das, was er sah, wohl mit Wohlgefallen auf. Er fand seine George-Idee bestätigt und den Sohn endlich angekommen." Die Eltern und der Lehrer unterhielten sich erneut angeregt. Nur der Sohn blieb stumm.

Der Musiklehrer fürchtete, seine Taten würden ans Licht kommen

Kurz darauf besuchte H.s Lebensgefährte, ein bekannter Komponist, die Dreschers. Er fuhr mit seinem großen Mercedes-Cabrio vor und hielt in ihrer Villa Hof. Sie waren fasziniert von diesem Kulturmenschen und begeistert, wie bereichernd sich die Odenwaldschule auf ihr Leben auswirkte. Und so wuchs die Hecke um die Schule langsam immer dichter zu.

Und sie blieb auch bestehen, nachdem die Eltern den Sohn von der Odenwaldschule genommen hatten. Der Musiklehrer war damals umgehend an den Comer See geeilt. "Der hatte Angst, dass ich irgendetwas erzähle und dass er dann doch in der Tinte sitzt", sagt Drescher. Aber die Sorge war unbegründet. Die Eltern verweigerten jedes Gespräch mit dem Sohn. "Ich habe meiner Mutter gegenüber immer wieder angedeutet, dass ich ein Geheimnis habe. Und ich habe mir sehr gewünscht, dass sie einmal nachfragt."

Ihr alles einfach zu erzählen, dazu war die Scham zu groß. Die Mutter wollte nichts von dem Geheimnis hören, von dem sie doch nur zu genau wusste. Sie hatte einen der Briefe, die der Musiklehrer ihrem Sohn fast wöchentlich schrieb, geöffnet. Es war ein Liebesbrief. Die Mutter verschloss ihn – und schwieg. Stattdessen lag im Zimmer des Sohnes ein Couvert, darin das Bild einer nackten Frau. Der Vater hatte es ihm wortlos hingelegt. Er hatte wohl verstanden, dass die schlechten Noten einen Grund gehabt hatten. Doch er war nicht bereit, darüber zu reden. Schließlich hätte er eingestehen müssen, dass es falsch war, seinen Sohn auf die Odenwaldschule zu schicken.

"Lieber Alexander", beginnt der Brief der Mutter vom 8. April. "Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wird mir bewusst, in welchem Maße mein Leben von einer fragwürdigen Ideologie bestimmt worden ist. Die führte letztendlich dazu, die Realitäten des Alltags nicht zu erkennen. Du hast darunter unendlich leiden müssen. Das bedauere ich aufrichtig und bitte Dich, mir zu verzeihen, so weit das überhaupt möglich ist. Deine Mama."