Das Cape war einmal ein Stoff wie Donnerhall. Ein grobes Tuch, das den Mann umwehte. Ein geniales Kleidungsstück, das ihn, wegen des Fledermauseffekts, größer erscheinen lassen konnte, als er war, und ihm mehr Dynamik verlieh, als er hatte. Außerdem ließ es seinen Träger geheimnisvoll erscheinen. Denn was sich unter dem Cape verbarg, ob es gar der Dolch im Gewande war, wusste nur er selbst. Männer trugen das Cape durch die Jahrhunderte, es bedeckte den Kutscher auf dem Kutschbock und den Räuber im Walde. Das Cape trug Sherlock Holmes durch seine Abenteuer, und auch Jack the Ripper hüllte sich ganz bestimmt darin ein. Das Cape hatte viele Namen, man nannte es Loden, Wetterfleck oder auch Kotze.

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Irgendwann aber vergaßen die Männer das Gewand, das sie so treu begleitet hatte. In den zwanziger Jahren verschwand es. Nur Superhelden flatterten aus optischen Gründen noch eine Weile damit herum, bis sich auch niemand mehr deren Comics anguckte. Lediglich in einer unwürdigen Ausführung war dem Cape eine weitere Existenz beschieden: als eine zusammenknüllbare Regenhaut, die Radfahrer sich um die Hüfte schnallen konnten. Wenn Tropfen vom Himmel fielen, zerrten sie hektisch den Kunstfaserstoff aus der Hülle und warfen ihn sich über. Das "Regencape" war das Gegenteil eines Capes. Es ließ seinen Träger nicht männlich erscheinen, sondern wie einen Waschlappen, der Angst hat, nass zu werden.

Der Mann hat hier versagt, also ist es an der Frau, das Cape wieder tragbar zu machen. Und glücklicherweise geschieht genau das zurzeit. Immer mehr setzt sich das Cape als luftige Alternative zum Mantel durch. Besondere Verdienste hat sich in dieser Hinsicht Victoria Beckham erworben, als sie im vergangenen Winter mit elegantem Cape auftrat. Und orientiert man sich an den jüngsten Schauen in Paris, Mailand und New York, wird man künftig noch mehr davon sehen. Hannah MacGibbon zeigte Capes bei Chloé, Hussein Chalayan kombinierte sie mit breitkrempigen Hüten. Alexander Wang zeigte kamelfarbene Capes mit geschlitzten Ärmeln, Yves Saint Laurent kurze schwarze.

Das Cape ist zum weiblichen Kleidungsstück geworden. Eine gute Nachricht – leider bedeutet es, dass wir nun lange, lange warten müssen, bis sich wieder ein Mann unters Cape wagt.