Nein, in der Bundesrepublik sind wir über alle parteipolitischen Lager hinweg in puncto Homosexualität und in der Frauenfrage um Lichtjahre weiter als jene muslimischen Verbände, die hierzulande den Ton angeben und die "Anerkennung" ihres konservativ-orthodoxen bis islamistisch orientierten Islams verlangen – von der islamisch geprägten Welt ganz zu schweigen.

Es gibt, da hat Carolin Emcke durchaus recht, natürlich auch nicht muslimische "Formen des Patriarchats und des Machismo". Der entscheidende Unterschied liegt aber darin, dass die muslimische Variante im Koran und der Tradition (hadithe) eine religiöse Legitimation erfährt. Die Belege dafür sind erdrückend. Doch damit beschäftigt sich die Autorin gar nicht. Sie will "die Muslime" vor ungerechtfertigten Angriffen in Schutz nehmen und bedient sich dabei der hinlänglich bekannten Technik der Relativierung nach dem Motto: In der Nacht sind alle Katzen grau. Will sagen: Im Hinblick auf menschenrechtliche Defizite sind alle Religionen gleich.

Das aber ist schlicht falsch. Ich kenne zum Beispiel keine Gruppe "evangelikaler Abtreibungsgegner", die uns mit globalem Terror überzieht. Weder rabiate Hindu-Fundamentalisten noch rechtsextreme jüdische Siedlergruppen verfolgen eine terroristische Agenda, die den islamistischen Dschihad-Strategien vergleichbar wäre. Solche Unterscheidungen aber sind im gegenwärtigen Geisteskampf nicht gefragt. Und wer den Zusammenhang von Islam und Islamismus deutlich anspricht, wird hierzulande inzwischen als "islamophob" oder gar als "anti-muslimischer Rassist" stigmatisiert.

Die Relativierung, die hier aufscheint, wird mit Blick auf die "Toleranz", die uns die Autorin anempfiehlt, geradezu zynisch: Von allen Bürgern werde "Toleranz" gegenüber "Praktiken und Überzeugungen anderer" verlangt, so fremd und "pervers" diese auch erscheinen mögen: Sadomaso, High Heels und Entblößung, Eucharistie, Wagner-Begeisterte, St.-Pauli-Fans. "Anything goes", konstatiert Emcke. Es ist aber empörend, dass die Autorin solche Möglichkeiten differenzierter Lebensstile und vielfältiger Freizeitgestaltungen, die nur im Freiraum einer pluralistischen Gesellschaft möglich sind, mit repressiven, religiös-politisch motivierten islamischen Kleidervorschriften und einer menschenrechtlich inakzeptablen Geschlechterapartheid auf eine Stufe stellt. Mädchen und junge Frauen in konservativ-orthodoxen und islamistischen Milieus in Europa haben eben keine realen Wahlmöglichkeiten, sondern unterliegen dem Diktat der selbst ernannten Religionspolizei aus Familienangehörigen, Imamen und "Rechtsgelehrten".

Und warum eigentlich hält es die Autorin für degoutant, dass "eine Diskussion um den Islam in Europa entbrannt" ist, "die nicht mehr nur am rechten Rand Gemüter erhitzt, sondern das bürgerliche Zentrum erreicht hat"? Nein, diese Diskussion auch im "bürgerlichen Zentrum" ist uneingeschränkt zu begrüßen, denn sie ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft Europas. Aber Emcke will auf etwas anderes hinaus: Die Diskussion soll als fremdenfeindlicher Misstrauensdiskurs denunziert werden. Opfer sind allein "die Muslime". Weil wir in Europa Probleme mit der eigenen "Identität" haben, so ihre Logik, profilieren wir uns in aggressiver Verteidigung der "Werte einer aufgeklärten sympathisch pluralistischen Lebensweise … gegen den Islams." Diese Denkfigur vom "Feindbild Islam" als Ersatz für verloren gegangene "Feindbilder" ist heute so falsch wie bei der Ersterwähnung vor vielen Jahren.