Die Frau litt unter Languno-Behaarung, einem weißen Haarflaum im Gesicht, der typischerweise zur Wärmeregulation bei Untergewichtigen heranwächst. Die gestohlene Asche ihres verstorbenen Mannes soll ihr egal gewesen sein. Heroin habe sie nur zum Spaß genommen. Den schönsten Bauchnabel der Welt besaß sie auch. Bevor sie ihren Mann traf, war sie Stripteasetänzerin in Japan. Nasenkorrektur, Fettabsaugung, Lippenaufspritzung – ausgerechnet sie. Aber sie bereut nichts. Hotelzimmer verwüstet. Kreditkartenfirma verklagt. Hat Madonna beleidigt, ist beleidigt worden. Sie rauchte während der Schwangerschaft. Der Kampf ums Sorgerecht. Sie soll sich von der Tochter fernhalten. Zu alt und dick für Hollywood? Wo sind die 50 Nirvana-Millionen, auf ihrem Konto natürlich.

Gelegentliche Aufenthalte in Wartezimmern und Frisierstuben genügen, um so gut wie alles über die Musikerin Courtney Love in Erfahrung zu bringen. Außer ihrer Musik natürlich, denn über die spricht in diesem Zusammenhang niemand. So kann man allerhand Wissen über die Lebensführung der Courtney Love ansammeln, ohne dass je ein Schuldgefühl anklopfen und einwenden würde, das Getratschte über Love könnte vielleicht ein unvollständiges Bild dieser Künstlerin abgeben. Denn sollte eine Musikerin nicht vor allem ihrer Musik wegen in aller Munde sein? Doch Musik ist nicht mehr das Zentrum in der öffentlichen Bewertung und Repräsentation bestimmter Rock- und Popmusikerleben, sie ist nur noch ein Nebenaspekt: Legitimation für einen Platz in der Arena, wo wunderbar schillernde Wesen kulturindustriell kolportierbarer und allgemein verstehbarer Gesprächsstoff sind.

Klatsch ist auch Melodram, die Oper des kleinen Mannes

Gesprächsstoff allerdings, der nicht mehr nur mündlich verhandelt wird, denn Waschweiber, Kaffeeklatschtanten und Treppenhausflüsterinnen sind eine fast ausgestorbene Art. Stattdessen gibt es überall Bildschirme, auf denen wir in öffentlichen Räumen mit Klatsch versorgt werden. Digitale Meldungen erreichen uns in U-Bahnen, Postfilialen, Einkaufszonen und berichten permanent über die Süchte, Essstörungen, Schwangerschaften, Operationen und Krebserkrankungen irgendwelcher SchauspielerInnen, SängerInnen und SportlerInnen. Es ist ein alltägliches, kaum hinterfragtes Gespräch, das den wichtigen Fantasien und Musterbögen, die wir über unsere Kultur und unsere Rollen ausbilden, den heißen Scheiß liefert. Und gegen alle anderen Themen, über die man reden und nachdenken könnte, pestet.

Das ist die Welt der Courtney Love, nicht die Musik. Sie begann, als Kurt Cobain im Jahr 1991 einem begeistert johlenden Livepublikum mitteilte, "Courtney Love, die Sängerin der sensationellen Band Hole", sei "the greatest fuck ever". Von da an waren es nur noch ein Jahr bis zur Hochzeit und drei Jahre bis zu seinem Selbstmord mit der Schrotflinte und ihrem Einstand als ranghöchste schwarze Witwe der Popkultur, die ihre langjährige Vorgängerin auf diesem Posten, Yoko Ono, in den verdienten Ruhestand schicken durfte. Von Musik muss wirklich kaum mehr gesprochen werden, wenn die Schicksalsmelodie erklingt.

Klatsch ist auch Melodram, ein Wort, zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern melos und drama, Lied und Handlung, um der Rührung willen. So sollte es die Freunde der italienischen Oper nicht erschüttern, wenn man den allgegenwärtigen Klatsch die wahre Oper unserer Zeit nennt, die Oper des kleinen Mannes. Im Klatsch artikuliert sich traditionell die weibliche Macht, die Umwege nimmt: durch Verführung, illegitime Einflussnahme, Schlafzimmerpolitik. Eine Meisterin wie Madame de Pompadour sicherte sich durch eine raffinierte Kontrolle über die Gehörgänge bei Hofe ihren Platz an der Seite des Sonnenkönigs und in der Geschichte. Aber Klatsch ist auch eine Käfighaltung, sein Repertoire beschränkt sich auf eine Reihe nützlicher, meist weiblich zugeschriebener Eigenschaften, die der Kontrolle ihrer Protagonistinnen im Normalfall entgleiten: Prominente Damen agieren anstrengende, aufwendige Gefühle und experimentelle Konstellationen aus und bekommen von der Öffentlichkeit Hass oder Mitleid zum Dank, rote Rosen regnet es selten. Das Publikum wird durch diese Opern emotional entlastet, sozial belehrt und stabilisiert seine Moral. Es hat seinen Sinn.

Warum aber wollen wir das Schrille und Schreckliche des Lebens vorrangig an Frauen widergespiegelt sehen, warum hat der Kampf einer Frau mit ihrem Körper und dem Alter, der Liebe und den Krankheiten einen so großen Schauwert? Wahrscheinlich weil Konsumenten von Klatsch überwiegend Frauen sind, sie wollen wissen, wie andere Frauen gesellschaftlich partizipieren und Stellungen bekleiden. Deshalb sehen wir eine Falte im Gesicht einer Frau mit Faszination, sie erzählt uns zu gerne die Geschichte vom Verfall und Verlust einer Illusion, einer Utopie, eines Versuches. Eine Falte im Gesicht eines Mannes aber ist immer eine Möglichkeit für ihn, als Anlageberater Geld zu verdienen. Die Wissenschaft sekundiert der Klatschindustrie neuerdings, wenn sie behauptet, dass Klatsch eine anthropologische Dimension habe, da auch Affen Klatschsysteme ausbilden, um sich über die Vorgänge bei den Ranghöchsten auf dem Laufenden zu halten. Das verkennt, dass wir uns nicht halb so viel über die intimen Vorgänge bei Funktionären, Politikern, Wirtschaftseliten und Militärs auf dem Laufenden halten, sondern vor allem bei Frauen, die Einfluss simulieren, Verführungskraft besitzen, die wir aber Showmenschen nennen und meist im Popkontext antreffen. Sobald ein Mächtiger in diesen Bereich einen Fuß setzt, läuft er Gefahr, seine Macht zu verlieren, wie das Beispiel Sarkozy/Bruni gerade zeigt. Wir Bürger wollen im Gegensatz zu den Affen eben nicht unbedingt wissen, wie groß die Penisse unserer Ranghöchsten sind.

Courtney Loves Daueraufenthalt in der Klatschpresse kann man natürlich auch als künstlerische Leistung verstehen: jahrelang diese Position zu halten, ohne ein (Neben-)Produkt abgeliefert zu haben, ihre letzte CD kam vor sechs Jahren raus. Nun aber möchte uns die reiche Witwe mit dem neuen Album Nobody’s Daughter erfreuen. Die Idee, darüber eine Rezension zu schreiben, fühlt sich etwas altertümlich an, wie reine Folklore zu einer untergegangen Kultur des ernsthaften Interesses an Popmusik. Wie aufregend ist dagegen der Klatsch, seine Zerstörungskraft und Wut: Auf der Website klatsch-tratsch.de werden die News aus dem Leben von Courtney Love mit einer rosa animierten Werbung für Intimpflegemittel überschrieben: "Intim rasiert, intim frisiert". Und während man beim Plattenlabel Universal eine "Listening Session" hinter sich bringt, um das bis zum morgigen Erscheinungstag unter Geheimverschluss gehaltene Werk anzuhören, wird einem eine Praktikantin als Aufpasserin zur Seite gesetzt – damit die Rezensentin bloß keine Kopie macht –, und sie vertreibt sich die Zeit, indem sie mit Schere und Kleber die People-Magazine auswertet. Jede Erwähnung eines Universal-Künstlers in Gala, Grazia, OK! und Bunte schneidet sie aus, und wenn es nur der Schminktipp einer Debütantin ist. Schnell macht die Praktikantin reiche Beute: "Ich wurde nicht als Diva geboren", titelt OK! respektvoll über Mariah Carey. Über Amy Winehouse hingegen heißt es im selben Organ empört: "Ausgerechnet die schmuddelige Sängerin, 26" sei die Botschafterin einer Kampagne für Intimhygiene.