Am einfachsten ist die Frage nach der perfekten Partymusik zu beantworten, wenn beispielsweise ein Violinist der Berliner Philharmoniker zum Abendessen kommt. In diesem Fall ist die einzige akzeptable Wahl: keine Musik. Die meisten ernsthaften Musiker verabscheuen die Degradierung der Musik zum Hintergrundgeräusch, außerdem haben sie Feierabend und wollen auch mal ihre Ruhe haben. Ähnlich klar ist der Fall, wenn, sagen wir mal, Jürgen Habermas zu Kaffee und Kuchen vorbeischaut. Das menschliche Hirn ist nicht dafür gebaut, gleichzeitig Melodien und Metatheorien zu erfassen.

Bei allen entspannteren Anlässen hingegen trägt die Musik mindestens so viel zur guten oder schlechten Partystimmung bei wie jede andere Zutat. Trotzdem wird sie leider allzu oft lieb- und gedankenlos in den Raum gestellt. Jeder war schon einmal Teil einer an sich angenehmen Menschenansammlung, die zur Qual wurde durch zu laute, zu plärrende, zu langweilige, zu blöde Musik. Die Gründe dieses Problems sind fast so interessant wie alle Lösungsversuche.

Gerade Musikinteressierte meiden die nähere Beschäftigung mit dem Thema "Hintergrundmusik", schon der Begriff klingt irgendwie unfein, banausenhaft. Lieber lassen sie bei ihrer Party ganz einfach ihre Lieblingsmusik laufen. Die mag noch so schön und interessant sein, als Partybeschallung ist sie höchstwahrscheinlich genau deswegen ein Desaster: Sie spielt sich ständig in den Vordergrund, sie fällt den Leuten ins Wort.

Andere Gastgeber, die zwar das Problem erkannt, aber nicht alle Zeit der Welt haben für die Optimierung ihrer Soundtracks, suchen Zuflucht in käuflich zu erwerbende CD-Kompilationen mit Titeln wie "Perfect Dinner Music" oder "Ultimative Lounge Tracks". Es mag irgendwo da draußen auch in diesem Genre gelungene Zusammenstellungen geben (sachdienliche Hinweise bitte per E-Mail), aber mindestens neun von zehn Berieselungsmusik-CDs sind der blanke Horror. Entweder gehen die Kompilierer in ihrem Streben nach musikalischer Unauffälligkeit so weit, dass die Klangtapete überhaupt keine Eigenschaften mehr aufweist und weder schlechte noch gute Stimmung erzeugt, sondern einzig ein Gefühl der Leere. Andere verwechseln Entspannungsmusik mit Narkosemitteln. (Ein beliebiges Beispiel aus der Dinnermusik-CD-Serie einer Frauenzeitschrift: Hit the Road to Dreamland von Jane Monheit, erst recht You’ll Never Know von Diana Krall – schöne Stimmen, wirklich schöne Schlafmittel). Andere Stücke sind so hemmungslos sentimental, dass der Abend garantiert in Tränen enden wird. (Beliebiges Beispiel aus derselben Serie: Shirley Horns tieftraurige Interpretation von Yesterday.)

Dass solche CD-Zusammenstellungen fast alle fade oder unbrauchbar sind, liegt vor allem daran, dass Musik eine höchst persönliche Angelegenheit ist, und zwar selbst dann noch, wenn man sie ausnahmsweise nicht als heiliges Kulturgut betrachtet, sondern, wie hier, als Einrichtungsgegenstand.

"Möbelmusik" – mit diesem entwaffnenden Begriff versuchte der Komponist Erik Satie bereits im Jahr 1917 eine Art Ehrenrettung dieser verkannten Kunstform. Satie war der Erste in einer langen Reihe von Musikern im 20. Jahrhundert, die in der Hintergrundmusik eine Herausforderung für Avantgardisten sahen. Saties Ideen inspirierten später John Cage zu seinen radikalen Klangexperimenten, überhaupt den musikalischen Minimalismus im 20. Jahrhundert. Seit den siebziger Jahren entwickelt der Musikdenker und Produzent Brian Eno sein Konzept der "Ambient"-Musik weiter, theoretisch und praktisch, zuletzt mit einem (sensationellen) Programm für das iPhone namens Bloom. Dieser Klanggenerator eignet sich allerdings am besten dazu, sich selbst und seine Gäste in stundenlange Trance zu versetzen.

Überhaupt muss man sagen, dass Satie und Eno das Partymusik-Problem genauso wenig lösen konnten wie die kommerziellen CD-Kompilierer. Enos radikale Ambient-Ideen gingen spätestens in den neunziger Jahren in einer globalen Klangwolke auf, deren anbiedernde Gefälligkeit bis heute in den Schlagworten Lounge und Chill-out scheußlich nachklingt.

Geschmack kann man erwiesenermaßen nicht kaufen, also müssen die Gastgeber selbst ran. Zumal die Hintergrundmusik nicht nur einiges über die Gastgeber verrät, sondern auch darüber, wie sie ihre Gäste einschätzen. Und es gibt keine Ausrede mehr, seitdem, dank Digitalisierung, die Möglichkeit besteht, aus der eigenen Musiksammlung für jeden denkbaren Anlass sogenannte Playlists zusammenzustellen. (Wer zu sich nach Hause einlädt und nicht weiß, was eine Playlist ist, möge den nächstbesten 15-Jährigen um Rat und technischen Beistand bitten.)

 

Zur Tücke des Genres gehört, dass die Zusammenstellung des später nur am Rande Hörbaren zunächst ausgiebiges und genaues Zuhören erfordert. Und etwas Vorstellungsvermögen. Denn oft klingt die beste Hintergrundmusik, ungestört und nüchtern gehört, nun ja: unspektakulär. Erst überlagert von Stimmengewirr, entfaltet sie ihre magische Wirkung.

Überhaupt ist Hintergrundmusik durch und durch paradox: Sie soll die Stimmung prägen, aber nicht weiter auffallen. Interessant sein, aber auch leicht zu ignorieren. Spaß machen, aber nicht ablenken. Und je persönlicher die Musikauswahl, desto höher die Wahrscheinlichkeit, einzelne oder gar alle Gäste zu vergrätzen. Je unpersönlicher, gefälliger, normaler, desto lebloser die Party.

Aus den Erkenntnissen der Ambient-Forscher von Satie bis Eno lässt sich für den Hausgebrauch, also auch für die nächste Party, mitnehmen, dass es bei Hintergrundmusik ausschließlich auf die Erzeugung einer bestimmten Atmosphäre ankommt, auf die Klangfarben, auf eine gewisse Wärme – und kaum auf Melodien, niemals auf Texte, die grundsätzlich eher stören. Auf Sounds, nicht auf Strukturen. Die Hintergrundmusik sollte verlässlich interessant sein, wenn man zwischendurch, in einer Gesprächspause, mal hinhört. Aber nicht so interessant, dass man das Gefühl hätte, beim Weghören etwas zu verpassen.

Auffallend viele in dieser Hinsicht nützliche Werke entstammen dem Zeitalter, in dem es zumindest am Hofe üblich war, Kammerensembles zur Untermalung des Festessens zu engagieren: dem Barock (lieber nichts von Johann Sebastian Bach, der ist heilig). Fest etabliert bis in unsere Tage hat sich die Formel Dinner + Jazz = gepflegter Abend. In Clubs wie dem Blue Note in New York klimpern, warum auch immer, selbst größte Jazzgiganten vor einem Publikum, das seinerseits mit Weingläsern und Besteck klimpert.

Auch wenn eine bestimmte Art "Jazz" als die Dinnermusik schlechthin gilt, gibt es noch tausend andere Genres – alles zwischen kolumbianischer Akkordeonmusik und experimenteller Elektronik –, die sich kreuz und quer in einer Playlist mischen lassen und den Abend sehr viel unterhaltsamer machen (siehe Tabelle anbei). Die schönste Paradoxie der Hintergrundmusik besteht nämlich darin, dass sie zwar allerlei Bedingungen erfüllen sollte, aber auch eine unendliche Vielfalt zulässt. Die gedeiht am besten, wenn man sie kontinuierlich hegt und pflegt: Indem man alle Musik notiert, einsammelt, in seine Party-Playlist zieht, die einem hintergrundtauglich vorkommt. Die Reihenfolge kann man dann getrost dem Zufallsgenerator überlassen. Im Hintergrund passen die erstaunlichsten Sachen zusammen. Die größte Gefahr ist der Gleichklang.

Und wenn die Partymusik ihren Zweck besonders gut erfüllt, wird sie im Laufe des Abends von der zunehmend beschwingten Konversation vollends in den Hintergrund gedrängt. Bis sie irgendwann, voll aufgedreht, wieder in den Vordergrund tritt.

Die Kriterien für die Auswahl der Tanzmusik einer Party sind dann wieder denkbar einfach: Gut ist alles, wozu getanzt wird.