ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt, in Ihrem neuen Buch, das Sie zusammen mit dem deutsch-amerikanischen Historiker Fritz Stern geschrieben haben, gibt es eine Stelle, die ich nicht verstehe. Darf ich sie Ihnen vorlesen?

Helmut Schmidt: Ich höre.

ZEITmagazin: Sie sagen da: "Mein Vertrauen in die Kontinuität der deutschen Entwicklung ist nicht sonderlich groß. Die Deutschen bleiben eine verführbare Nation – in höherem Maße verführbar als andere." Was stützt diese Aussage?

Schmidt: Es ist keine wissenschaftliche Aussage. Sie kommt aus dem Gefühl, aus dem politischen Instinkt.

ZEITmagazin: Sogar Fritz Stern, der im Alter von zwölf Jahren mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen musste, hat Ihnen da widersprochen und gesagt, dass alle Völker verführbar seien.

Schmidt: Ich habe die Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und Nazis in Hamburg miterlebt, da war ich 14. Ich habe als Heranwachsender die Nazizeit und den Krieg erlebt und die Verführungen, denen die Masse der Deutschen damals erlegen ist. Ich habe erlebt, dass insbesondere junge und intelligente Leute bereit waren, den aus der 68er-Bewegung hervorgegangenen Terroristen leise und heimlich Beifall zu zollen. Ich habe miterlebt, wie die Deutschen von der Angst vor dem Waldsterben ergriffen wurden. Dann kam die Kriegsangst der Friedensbewegung. Dann habe ich die Angst vor dem islamistischen Terrorismus erlebt.

ZEITmagazin: Haben Sie sich selbst auch als politisch verführbar erlebt?

Schmidt: Nein, nicht als erwachsener Mann.

ZEITmagazin: Und warum sollten die Deutschen heute verführbarer und ängstlicher sein als andere Nationen?

Schmidt: Das hat mit der Belastung durch das Wissen um die schlimmen Verbrechen während der Nazizeit zu tun. Diese Belastung bleibt. Die babylonische Gefangenschaft der Juden ist nach zweieinhalbtausend Jahren immer noch im Bewusstsein der gebildeten Menschen. Auschwitz und der Genozid an den Juden werden ähnlich lange im Bewusstsein bleiben. Diese Tatsache belastet die Psyche der Deutschen und wird das weiterhin tun. Es ist eine Last, die andere Völker nicht tragen müssen.

ZEITmagazin: Und die sich bis heute auf die deutsche Politik auswirkt?

Schmidt: Ja, ich erlebe jetzt zum Beispiel, wie eine deutsche Bundeskanzlerin aus dem Bewusstsein heraus, belastet zu sein mit der Verantwortung, dass sich so etwas wie der Genozid an den Juden niemals wiederholen darf, zu Übertreibungen neigt. Zum Beispiel dazu, die Sicherheit Israels als einen Teil der deutschen Staatsräson anzusehen.

ZEITmagazin: Wir als Volk der einstigen Täter übernehmen ein Stück Verantwortung für das Existenzrecht Israels. Was ist daran schlecht?

Schmidt: Mitverantwortlich zu sein für Israels Sicherheit ist eine gefühlsmäßig verständliche, aber törichte Auffassung, die sehr ernsthafte Konsequenzen haben könnte. Denn wenn es zum Beispiel zwischen Israel und Iran zum Krieg käme, dann hätten nach dieser Auffassung die deutschen Soldaten mitzukämpfen – aus Verantwortung gegenüber einem Volk, dessen Verwandten von Vorfahren der heutigen Deutschen so viel Unrecht angetan worden ist.

ZEITmagazin: Ich bleibe dabei: Die große Mehrheit der Deutschen hat aus der Geschichte gelernt und ist heute weitgehend immun gegen totalitäre Versuchungen.

Schmidt: Ich glaube, Immunität sollte man keinem Volk bescheinigen. Das ginge zu weit. Aber richtig ist wahrscheinlich, dass wir Deutschen noch über lange Zeit totalitären Vorstellungen ziemlich ablehnend gegenüberstehen werden. Das ändert aber nichts daran, dass ich uns für emotional verführbar halte.