In den Buchhandlungen kann man jenes Phänomen beobachten, das schon seit Längerem hierzulande beschworen wird: die Rückkehr der Biografien. Dort stapeln sie sich, die Gestalten aus Geschichte, Politik und Literatur; alle bekommen ihren Auftritt zwischen Buchdeckeln, von anspruchsvoll bis populär. Und doch gibt es einen Bereich, an dem dieser Trend weitgehend spurlos vorbeiläuft: an der Welt der Ideen und Theorien.

Während in Deutschland Biografien über Dichter florieren, sind solche über Denker Mangelware – vor allem was das 20. Jahrhundert betrifft. Dabei ginge es mitnichten um langweilige Stubengelehrte, sondern um Intellektuelle in dramatischer Zeit, mit konfliktreichen Kehren, Irrtümern und Denkwegen, die unsere Vorstellungen von der Welt verändert haben. Wo bleiben die Biografien von Max Horkheimer und Siegfried Kracauer, wo die von Georg Simmel, Herbert Marcuse, Georg Lukács, Gershom Scholem, Arnold Gehlen, Max Kommerell, Karl Jaspers, Karl Löwith, Jacob Taubes oder Dolf Sternberger? Zwei Meisterwerke wie die Max-Weber-Biografie von Joachim Radkau oder die Carl-Schmitt-Biografie von Reinhard Mehring bestätigten zuletzt als Ausnahmen die Regel. Und dass es hierzulande nicht einmal Hegel und Marx zu großen Biografien für unsere Zeit gebracht haben, darf man ruhig einmal als Schande für das sich in Exzellenzclustern aufreibende gelehrte Deutschland bezeichnen.

Dieser lamentable Zustand betrifft auch Walter Benjamin. Das ist besonders paradox, nicht nur weil er einer der vielseitigsten deutschen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts war, mit einer ungewöhnlichen Interessenmischung aus Literaturtheorie, Ästhetik und geschichtsphilosophischen Ideen, in die er als unorthodoxer Marxist jüdische Denktraditionen integrierte. Zu Lebzeiten weitgehend erfolglos und in seiner Bedeutung nur von wenigen Freunden wie Theodor W. Adorno, Gershom Scholem oder Hannah Arendt erkannt, ist er heute ein globaler Klassiker der Kulturtheorie, dessen kanonische Texte wie beispielsweise Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit weltweit in universitären Proseminaren diskutiert werden.

Kein derart komplizierter Denker des vergangenen Jahrhunderts ist zu einer vergleichbar populären Ikone geworden. Es gibt Hörbücher seiner Briefwechsel, Faksimileausgaben seines Adressbuches und das eindrucksvolle symbolische Denkmal des Bildhauers Dani Karavan in Port Bou; im September wird es siebzig Jahre her sein, dass Walter Benjamin sich dort auf der Flucht vor den Nazis über die Pyrenäen das Leben nahm. Ihm ist posthum jenes von ihm beschriebene Phänomen der Aura zugewachsen, zu dem wir "den Blick aufschlagen" – "ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung in einer Ferne, so nah sie sein mag".

2006 erschien in Frankreich eine monumentale Studie über Benjamin, die nunmehr in der heroischen Übersetzung Horst Brühmanns auf Deutsch publiziert wurde. Ihr Autor, der in Paris Ästhetik lehrende Jean-Michel Palmier, starb 1998 mitten in der Arbeit; aus den geplanten 2000 Seiten wurde ein 1300-Seiten-Torso. Die Entscheidung des Verlags und der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur von Jan Philipp Reemtsma, dieses Monstrum herauszubringen, mag nicht nur den Qualitäten des 1944 geborenen Palmiers geschuldet sein (er war einer der besten Kenner der Geistesgeschichte der Weimarer Republik und des Exils), sondern auch der Einsicht, dass eine andere große Biografie alsbald nicht zu erwarten ist. Wer sich nun durch Palmiers Werk gekämpft hat, wird sich gemischter Gefühle nicht erwehren können: zum einen der Bewunderung für die ausdauernde Synthesekraft und luziden Werkdeutungen; zum anderen jedoch der Gewissheit, dass dieses Buch einen Endpunkt markiert, keinen Anfang.

Vielmehr begräbt dieser Meilenstein der Benjamin-Forschung unter sich die Deutungskämpfe der vergangenen Jahrzehnte. Ruhig weist Palmier also jüdischem Messianismus und marxistischem Materialismus im Denken Benjamins die Plätze zu. Noch einmal werden die Glättungen und Verfälschungen Benjamins durch das Institut für Sozialforschung und später Adorno aufgerufen, um gerecht beurteilt zu werden. Man befindet sich bei Palmier stets auf sicherem Terrain, welches leider auf Dauer etwas langweilig wird. Der asketische Autor erzählt seinen Stoff allzu enthaltsam; der Leser muss sich währenddessen seinen eigenen Benjamin inszenieren.

Faszinierend ist der 1892 geborene Benjamin noch heute, weil er alle Gegensätze seiner Zeit in sich vereinte: Vor dem Ersten Weltkrieg war er führender Aktivist der Jugendbewegung Gustav Wynekens, früh geriet er in den Dunstkreis des Antisemiten Ludwig Klages. Er ist ein Bewunderer Hölderlins und lässt sich von seiner kommunistischen lettischen Geliebten Asja Lacis zu Johannes R. Bechers Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller schleppen. Da ist der Verehrer Hofmannsthals, der Benjamin fördert, und der Freund Bertolt Brechts, bei dem er im Exil in Dänemark länger wohnt. Mal attackiert er Germanisten aus dem Kreis Stefan Georges (Friedrich Gundolf), mal bewundert er sie (Max Kommerell, den Palmier als Geistesverwandten Benjamins ansieht). Der Proust-Übersetzer Benjamin wird ein Jahrzehnt später die Politisierung der Kunst im Kommunismus befürworten und lange mit dem Eintritt in die KPD liebäugeln. Dass Benjamin sich in Frankreich für die Surrealisten und für den Dichter Paul Valéry zugleich begeistern kann, verwundert endlich auch Palmier.

Benjamins Binnenspannung zwischen den Polen Moderne und Tradition trieb ihn zeitlebens. Rastlos reiste er in den zwanziger und dreißiger Jahren durch Europa, zwischen Capri und Ibiza, Moskau, Paris und Berlin. Unglückliche Dreiecksbeziehungen erlebte er mehrfach, hatte eine Neigung zum Glücksspiel und wohl auch zu Prostituierten – was vielleicht das Bild vom mittellosen Intellektuellen relativieren könnte. Gewiss: Jener Untertitel Von Ehre ohne Ruhm / Von Größe ohne Glanz / Von Würde ohne Sold, den Benjamin 1936 unter seine unter dem Pseudonym Detlef Holtz herausgegebene Briefsammlung Deutsche Menschen setzte, ist auch eine Selbstbeschreibung.

Doch dass Benjamin 1925 mit seiner Habilitation scheiterte, findet der Biograf weniger schändlich als verständlich angesichts der alle akademischen Usancen sprengenden Genialität Benjamins. Den Vorsatz, Deutschlands führender Literaturkritiker zu werden, kann der freischwebende Intellektuelle ebenfalls nicht einlösen. Ständig verschob er seinen dem Freund Scholem über Jahre versprochenen Wechsel nach Jerusalem; das gelobte Land brauchte der Heimatlose als Projektion. Zum realen gelobten Land wurde ihm im Exil nach 1933 die Pariser Bibliothèque nationale; hier konzipierte er sein als Hauptwerk geplantes, Fragment gebliebenes Passagen- Werk mit Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts: von Benjamin als Keimzelle und Spiegel der bedrohlichen Gegenwart des 20. Jahrhunderts gedeutet. Die Bibliothek, an die er sich um des Werks willen klammerte, statt weiter zu flüchten, wurde ihm gleichsam zur tödlichen Falle.