Eines dunklen Tages im Januar dachte ich, halb enttäuscht, halb verärgert, diese Stadt ist auserzählt. Zumindest wünscht sie sich das Verschwinden der Fragezeichen und der kaum in Einklang zu bringenden Geschichtenfragmente, die es so schwierig machen, von diesem Ort zu sprechen, so reizvoll. Und ich merkte, wie mich die Dresdner Schwermut befiel, eben in dem Moment, da Dresden im Begriff war, seine Jahrzehnte währende Schwermut zu überwinden. Auf meinen Wegen durch die Stadt nahm mich alle paar Meter von einer Plakatwand Roland Kaiser fest in den Blick und versicherte mir: "Denk ich an Sehnsucht, denk ich an Dresden." Loblieder sollte man den Schlagersängern überlassen, murmelte ich in die Winterluft hinein. – Allerhöchste Zeit, diese Stadt, mit der ich mich auseinandergesetzt habe wie mit keiner anderen zuvor, für eine Weile zu verlassen. Ich packte meine Sachen und fuhr nach Rom.

Mich, einen Westmenschen des Jahrgangs 1965, interessierte die DDR keinen Deut, solange sie bestand – und es wird mir immer ein Rätsel bleiben, warum wir sie im Geschichtsunterricht durchnahmen. Der eine Lehrer brachte uns bei, Abscheu zu empfinden angesichts einer kleinkariert-brutalen Gesellschaft, die den Voyeurismus zum obersten Staatsprinzip erhoben hatte. Der andere Lehrer pries vielleicht die Überlegenheit eines sozialistischen Sozialsystems – ich wüsste es heute sicherlich genauer, hätte mich nicht sein Auftritt im Maojäckchen so fasziniert.

Mit dem Ende des Staates aber erlosch auch der Zwang zum Bekenntnis gleich welcher Färbung. Die DDR wurde zu einer Reflexionsmasse – bis heute sehe ich in diesem so quer und doch so passend ins 20. Jahrhundert verkeilten Trumm mit großem Menschenbild und kleiner Seele eine unablässige Aufforderung zum Nachdenken. Und zwar nicht über Gesellschaftsentwürfe, Utopieversagen, die Pervertierung der Idee vom freien Menschen und ähnlichen Pomp, sondern in erster Linie über die Natur des Menschen.

Ehrlich gesagt, habe ich im Verlauf der letzten zwanzig Jahre sogar die hochmütige Haltung angenommen, Westmenschen, die seit dem Ende des "Ostblocks" keine Neugier auf den Osten verspüren, für nicht besonders helle zu halten – wobei mir zum Glück nur wenige solcher Menschen begegnet sind. Ja, je länger der Kalte Krieg zurückliegt, desto häufiger erlebe ich, dass in Gesprächen Erinnerungen insbesondere an diesen früheren Wüstenstrich inmitten der ehemaligen DDR zur Sprache kommen, an dieses jahrzehntelang fast außerhalb der Landkarten liegende, gleichwohl bis heute in den Köpfen und auf der Straße heiß umkämpfte Nichts namens Dresden.

Auf diesem zu beiden Seiten der Elbe sich erstreckenden Gelände ist im Februar 1945 nicht nur eine Stadt verschwunden, die sich von jeher an ihrer eigenen Vorstellung von Geschichtlichkeit delektierte, hier sind im 20. Jahrhundert auf engstem Raum gleich auch noch mehrfach historische Weltentwürfe zerstoben: der Absolutismus, die Reformbewegung, der SS-Staat, die durchmilitarisierte Gesellschaft, die Bürgerbewegung, Entwürfe wie Gegenentwürfe des industriellen wie des postindustriellen Europa. Hier die Fabrik, dort die Manufaktur, hier die Zivilisation, dort die Natur, hier der Hof, dort das Bürgertum – ein ungeheurer, ungeheuer explosiver Geschichtenfundus, weil keine einzelne der zu erzählenden Geschichten mehr aufgeht, sobald sich eine weitere ins Bewusstsein drängt. Und Dresden zieht, mag es nach außen hin auch als harmoniesüchtig gelten, immer wieder Extreme an – oder bringt sie selbst hervor.

Um nur zwei bislang ungeborgene Geschichten zu nennen: An der Dresdner Akademie pinselt ein Student namens Kurt Schwitters bis 1914 brav, was sich die Professoren wünschten - um wenig später mit seiner MERZ-Kunst und Anna Blume das 19. Jahrhundert zu beerdigen. Im Zwinger-Verlag zu Dresden – nicht etwa in der Verlagsstadt Leipzig – erscheint Ende 1938 die deutsche Übersetzung von Célines Bagatelles pour un massacre unter dem Titel: Die Judenverschwörung in Frankreich. Gerne wüsste ich, wie viele zerlesene Exemplare dieser bis heute indizierten antisemitischen Hetzschrift damals dem Dresdner Feuersturm Zunder gegeben haben.

Ein Zuviel der Geschichten, der offenen Enden und offenen Rechnungen? Ich erinnere mich gut daran, wie aus dem Osten stammende Freunde mich Mitte der neunziger Jahre davor warnten, nach Dresden zu ziehen, und wie mancher in dieser Stadt aufgewachsene, längst in Berlin lebende Schriftstellerkollege verständnislos den Kopf schüttelte – um im nächsten Augenblick über sich selber lachen zu müssen: Nein, die von Gleichaltrigen durchs Leben geschleppte graue Last saß mir nicht auf den Schultern, und so verwandelte sich die Skepsis beim einen oder anderen in Neugier auf meine zukünftigen Berichte aus seiner Kindheitslandschaft. Dass ich mich damit leichtfertig auf eine höchst dubiose Mittlerrolle einließ, war mir seinerzeit gar nicht klar: Der fremde Blick, wenn er von innen heraus eingenommen wird, kann auf Dauer offenbar sowohl Einheimische wie Fremde unruhig machen.