So werde ich etwa jene durchaus weltoffene, kluge und sympathische Dame aus München nie vergessen, mit der ich vor nicht langer Zeit zur Frankfurter Buchmesse zufällig gemeinsam im Taxi saß: ihr entsetzter Gesichtsausdruck, als sie erfuhr, dass ich in Dresden lebe, ihre zwischen Panik und Tadel schwankende Stimme, da sie noch einmal nachfragte: "In Dresden, wo die Nazis wohnen?", und wie sie mich im Visier behielt, jeden Moment bereit, einen Akt der Zivilcourage zu wagen und einzugreifen, sollte ich unserem pakistanischen Chauffeur von hinten an die Gurgel gehen. – Solche Westerfahrungen nehmen mir die Lust, vom Zerstieben meiner eigenen Klischeevorstellungen zu erzählen, vom Einserseits-andererseits, vom Ja-und-aber: Ja, das aus München kommende SS-Veteranenschmierblatt liegt auch bei uns am Kiosk aus. Gekauft wird es aber von einem unbeirrbar antifaschistischen Taxifahrer, der Feindbeobachtung betreibt. Er ist ein großer Verfechter basisdemokratischer Entscheidungen. Und freut sich schon auf seine erste Fahrt über die Waldschlösschenbrücke.

Eine Stadt wie ein Brennglas, unter dem sich kuriose Konstellationen und Ereignisse beobachten lassen. "Ja, was da drüben bei euch im Osten so los ist" bekomme ich nicht selten im Westen zu hören, als säße ich um die Jahrhundertwende zum ersten Mal nach langem Verwaltungsdienst in Galizien wieder in meinem Wiener Stamm-Kaffeehaus. Es stimmt: Wenn sich hier ein Fettnäpfchen darbietet, lässt man es ungern aus – dieses Verhalten zeugt aber auch von einer Unerschrockenheit, die mir Respekt abverlangt. So muss man erst einmal auf die Idee kommen, statt einer Paris Hilton Wladimir Putin einzuladen, wenn man einen Opernball ausrichtet. Dass man ausgerechnet bei Putin anfragte, der in zahlreichen postsozialistischen Staaten nicht eben für d ruschba, also Freundschaft, steht, zeigt, wie weit die eigene sozialistische Vergangenheit mittlerweile zurückliegt. Oder offenbart sich darin gerade das alte DDR-Sicherheitsgefühl, Moskau besonders freundschaftlich verbunden zu sein? Sicherlich messe ich damit einem Kostümfest mittlerer Pracht zu große Bedeutung bei, auf jeden Fall jedoch sollte man nicht allzu beleidigt sein, wenn wenig später Barack Obama kaum Interesse daran zeigt, auf dem Theaterplatz zu flanieren und dem Zauber dieser Stadt unter tätiger Anteilnahme sämtlicher Einwohner zu erliegen. Die Dresdner sind Weltmeister im Schaffen haarsträubender Konstellationen – aber jede einzelne erscheint mir signifikant, lässt sich nicht nur unter dem Blickwinkel gesamtdeutscher, sondern gesamteuropäischer Brüche und Verschiebungen entziffern. Manchmal kommt es mir so vor, als rieben sich im Elbtal eine ost- und eine westeuropäische Kontinentalplatte aneinander, und die Dresdner wüssten angesichts des immerzu wackligen Bodens nicht, ob sie nun von den Magmadämpfen oder von sich selbst berauscht sind.

Geschichte tritt hier als Prozess zutage, nicht als Vergangenheitskapsel wie im schlechten Schulunterricht. Je mehr Studenten in August-Verkleidung als Botschafter "gefühlter" Geschichte um die Frauenkirche herumstolzierten, desto deutlicher sprangen mir die nach dem 13. Februar 1945 zurückgebliebenen Grundmauern in der Innenstadt ins Auge. Aber vielleicht leide ich auch bereits an Post-Wende-Ostalgie, wenn ich heute den Anblick zufällig entstandener schroffer Zeitschichtungen im öffentlichen Raum zu vermissen beginne. Die Geschichte schreitet voran – und lässt mich zurück. So sind die sechziger Jahre – das Jahrzehnt, in dem ich geboren wurde – mittlerweile weitgehend aus dem Innenstadtbild verschwunden, teils abgerissen, teils "neu renoviert", während die Prachtbauten der späten Stalinzeit sich rückwärtig an den Historismus-Fake "Historischer Neumarkt" aus dem frühen 3. Jahrtausend schmiegen.

Gewiss, Geschichte ist immer nur ein Bild, das wir uns in der Gegenwart von der Vergangenheit machen. In Dresden bestand sie für mich vom ersten Tag an aus unzähligen Bildern. Mag sein, ich bin ein wenig müde geworden vom ständigen Entziffern geheimer Botschaften, mag sein, Dresden ist mit der Verwandlung von einer Trümmerwüste in ein Kitschreservat tatsächlich die erste deutsche Stadt nach Ende des Kalten Krieges, in der Westklischees und Selbstbilder des Ostens zur Deckung gelangen. Eine Stadt, die davon gelebt hat, sich jedem Konsens zu verweigern, wird Konsens. "Denk ich an Sehnsucht, denk ich an Dresden" – doch mit der Erfüllung ist die Sehnsucht per definitionem dahin.

Als wäre die Grenze eben erst geöffnet worden, folgte ich einem alten Sehnsuchtspfad der Deutschen und fuhr nach Rom. Die Papageien plaudern in der Palme vor dem Küchenfenster – mehr Abstand kann man sich nicht wünschen. An einem frühlingshaften Vormittag stehe ich dann vor dem Kühlregal im Supermarkt und muss erst zweimal hinschauen, ehe ich begreife, wer dort auf der Tiramisu-Verpackung vor sich hin träumt: ein der Sixtinischen Madonna entstiegener Raffael-Engel, versunken in die Betrachtung des italienischen Bio-Siegels.