Manchmal, sagt ein Maler, komme ihm die Baumwollspinnerei wie ein Ghetto vor, ein Ghetto der Kunst. Die Leipziger Tourismusförderung bietet neuerdings "Kunstreisen" dorthin an, Anfahrt mit dem eigenen Reisebus, zwei Übernachtungen ab 125 Euro pro Person im Doppelzimmer. Ein Abenteuertrip, dessen Ziel tristeste Ecken dieser Stadt sind. Denn die Baumwollspinnerei liegt in Lindenau, im Westen Leipzigs. An dem Ort, der erst symbolisch für den Niedergang stand und dann, plötzlich, für den größten Aufstieg der Stadt. Hier hat die "Neue Leipziger Schule" ihre Wurzeln, hier arbeitet Neo Rauch, der Malerstar, dessen Bilder Hunderttausende Euro wert sind, bevor er sie überhaupt fertiggestellt hat, und dem zum 50. Geburtstag gleich zwei Retrospektiven gewidmet werden, eine hier im Museum der Bildenden Künste, die andere in München . Nun wollen alle sehen, woher der berühmte Künstler kommt, von dem Zeitungen in der ganzen Welt berichten und den die New York Times den "Maler, der aus der Kälte kam" nannte.

"Wo finde ich sein Atelier?", fragen die Besucher die Gästeführerin Henriette Weber am Eingang des Spinnereigeländes. Wie stellen Sie sich das vor, würde sie gern zurückfragen, wollen Sie ihm zuschauen wie im Zoo? Sie bietet stattdessen einen Ausflug in die Geschichte der Spinnerei an.

Die Alte Baumwollspinnerei war einst eine neue Baumwollspinnerei, 1884. Dann schon bald, mit 240.000 Spindeln und Tausenden Arbeitern, die größte in Europa, ein gigantisches Projekt auf sechs Hektar, 20 Gebäude, die meisten mit vier, fünf Geschossen. Den Krieg überstand das Gelände, weil die Dächer begrünt waren und so riesig, dass die Bomberpiloten sie für Wiesen hielten. Auch in der DDR war es ein unwirtlicher Ort, erklärt Henriette Weber: monotone Arbeit im Dreischichtbetrieb. Seit der Wende wird Baumwolle in Indien und Pakistan verarbeitet.

Leerstand und Fabrikcharme, rote Ziegelbauten und riesige Fabrikräume: Das passt zur Kunst, fand man in Leipzig Anfang der neunziger Jahre. Seht, da sind Künstler in den Ruinen des Sozialismus! Die Spinnerei, heißt es heute, sei ein mythischer Ort. Schweiß und Geschichte in jedem Ziegelstein. Als die Produktion stoppte, zogen die Maler ein.

Für die Künstler wird es immer schwieriger, in Ruhe zu arbeiten

In der Baumwollspinnerei, dem "Hottest place on earth" (The Guardian) arbeiten aber nicht nur die Stars, die längst berühmten Künstler wie Tilo Baumgärtel, Matthias Weischer und Rosa Loy; oder Michael Triegel, seit 1994 dabei, der nun auch zur Berühmtheit wird, weil er den Papst im Auftrag des Bistums Regensburg malt: "Ach, Sie sind mein Raffael", hat Benedikt angeblich ausgerufen, als er Triegel Audienz gewährte. In der Fabrik experimentieren auch junge Absolventen der Kunsthochschule, Installationskünstler, Bildhauer, Fotografen. Spötter nennen das Gelände inzwischen ein "Fabrik-Outlet": Die Künstler, mittlerweile über hundert, produzieren Bild um Bild; Galerien verkaufen ihre Werke gleich auf dem Hof. Es gibt Bilder, die einige Hundert Euro kosten, und solche für 10000 Euro. An Tagen, da besondere Galerien in der "Spinnerei" besondere Ausstellungen eröffnen, sind auf dem Flughafen keine Parkplätze für Privatjets mehr zu bekommen.

Am 1. und 2. Mai aber kommt das Volk: Tausende werden dann, wie jedes Jahr zu dieser Zeit, auf das Gelände drängen, zum "Mairundgang" wechseln die Galerien ihre Ausstellungen, öffnen Künstler ihre Türen, wird die Spinnerei zum Freizeitpark. Eines der wichtigsten Wochenenden im Jahr, sagt Bertram Schultze, der aus Franken stammt und Uli Hoeneß ähnelt. Es sei ein Balanceakt, die Ateliers für Besucher zu öffnen: Für die Künstler wird es immer schwieriger, in Ruhe zu arbeiten. Schultze, 41, ist Geschäftsführer der Leipziger Baumwollspinnerei Verwaltungsgesellschaft, ein Fabrikchef der Kunstwelt. Bertram Schultze, zum Architekturstudium nach Leipzig gekommen, eröffnete nach dem Niedergang der Spinnerei ein kleines Büro auf dem Gelände. Zur Jahrtausendwende, als es eine Investorengruppe kaufte, war er zur rechten Zeit am richtigen Ort.

Die ratlosen Besitzer wollten natürlich Geld verdienen – aber wie? Sie machten Schultze, der Erfahrung hatte mit Leipzig und seine Subkultur kannte, zum Geschäftsführer ihres Projekts. Kann man Geld verdienen mit dieser Stadt in der Stadt? "Schwierig", sagt Schultze. In Hamburg und München hätte man wohl Loftwohnungen samt Tiefgaragen und einem Hubschrauberlandeplatz gebaut. Wer aber die Baumwollspinnerei verlässt, steht doch wieder in Lindenau. Es gibt keine reichen Manager in Leipzig, aber wenn die Künstler schon mal hier sind…, dachte sich Schultze.

 

Er hat die Siedler der ersten Stunde gehalten und später, dank Neo Rauch, auch Galerien aufs Gelände gelockt. Schließlich noch solventere Mieter: ein Callcenter, einen Computermarkt und einen Großhandel für Kunstbedarf. Das gefällt nicht allen Künstlern. Aber das System der gegenseitigen Subventionierung, sagt Schultze, ermögliche erst billige Ateliermieten. Kaum ein Maler zahlt über drei Euro pro Quadratmeter.

Mythisch, sagt der Maler, sei Jerusalem, aber nicht die Spinnerei

Anfangs, erzählt Schultze, hätten ihn städtische Tourismusförderer auf seinen Betteltouren gefragt, was sein Projekt denn bitte mit Tourismus zu tun habe. Schultze steht, wie Uli Hoeneß, im Ruf, auch aus Stroh irgendwie Gold zu spinnen. Heute fragen Politiker aus Hamburg: Warum funktioniert das nicht im Gängeviertel? Nürnberg will wissen, ob er so was wie die Spinnerei auch bei ihnen organisieren könne. Das will er versuchen, auf einem verlassenen AEG-Gelände, aber es wird schwieriger. In Leipzig wollte und musste er nur das Nötigste sanieren – um den Charme des Verbrauchten nicht zu gefährden und weil die Bausubstanz gut war. "Jedes Gebäude hier", sagt Schultze, "ist für die Ewigkeit gebaut." Bis heute verdient der Investor mit der Spinnerei zwar kein Geld, macht aber auch keinen Verlust – und hat eine traumhafte Werbung. Die Kanzlerin war da, Neo Rauch ist glücklich, die Stadt birst vor Stolz über ihren "mythischen" Ort.

Der Ort werde überschätzt, entgegnet Hans Aichinger, 51, ein Meister der figurativen Malerei, ebenfalls seit 1994 hier. Seine Bilder kosten inzwischen mehrere Tausend Euro, auch ihm nützt der Sog der Neuen Leipziger Schule. Der Weg zu seinem Atelier führt durch eine versteckte Stahltür. Enge Eisentreppen nach oben, dann jedoch: weite Gänge, Freiraum, ein Atelier wie ein übergroßes Wohnzimmer. Mythisch, sagt Aichinger, sei Jerusalem, aber doch nicht die Spinnerei. Wer glaube, dass hier morgens Künstler zusammen beim Kaffee säßen und über Bilder diskutierten, irre.

Gleich nach der Wende, Anfang der neunziger Jahre, hatte Aichinger ein prächtiges Innenstadt-Atelier, Nikolaistraße. "Hot Spot", sagt der Künstler, "ein traumhaft schönes altes Haus", der berüchtigte Jürgen Schneider hatte es saniert. Als dessen Spekulationsimperium zusammenkrachte, stand der Künstler auf der Straße. Lindenau, die verarmende Peripherie, war die Rettung. Nun wird Aichinger den Lindenauern etwas zurückgeben. Er schenkt ihnen eine nackte Frau, sie wartet in Halle 14. Aichinger gibt an diesem Tag einen Aktmalkurs für interessierte Bürger. Es sind zaghafte Versuche der Annäherung zwischen der Spinnerei und Lindenau, ihrem Stadtteil.