Präsidentenpoker – Seite 1

Das Spiel ist eröffnet. Man kann wieder Vorstandsvillen in Fort Lauderdale erwerben oder Eigentumswohnungen in New York – und dafür relativ problemlos einen Kredit von einer amerikanischen Bank erhalten. Einen Geldbatzen also und dazu das Vertrauen, dass man Monat für Monat, Jahr für Jahr brav seine Schulden tilgt.

Oder auch nicht.

Inzwischen sind sich alle einig: Die amerikanische Finanzkrise war kein Betriebsunfall. Sie war das Ergebnis einer kalkulierten, hochriskanten Wette auf den Immobilienmarkt der USA. Jahrelang hatten Kredithäuser auch an finanzschwache Schuldner Immobiliendarlehen vergeben und das Ausfallrisiko schleunigst an andere weitergereicht. Die Wall-Street-Häuser kauften solche Wackelhypotheken auf, bündelten sie zu angeblich mündelsicheren Wertpapieren und reichten sie an ahnungslose Anleger in Europa und Asien weiter. Glaubt man den jüngsten Vorwürfen der amerikanischen Börsenaufsicht gegen das führende Geldhaus Goldman Sachs, wussten viele Banker nur zu genau, welchen Giftmüll sie da verschacherten.

Doch während die alten Wetten noch aufgearbeitet werden, läuft jetzt ein neues Spiel. Wieder pumpen amerikanische Banken den Häusermarkt mit Krediten auf, und wieder reichen sie ihre Risiken schnell weiter. Es ist fast wie vor der großen Krise, aber mit einem wichtigen Unterschied: Die Banken sparen sich den umständlichen Weg über die Wall Street. Sie übertragen das Risiko direkt an den amerikanischen Steuerzahler. Und der wiederum versucht nach Kräften, es an internationale Investoren weiterzureichen. Vor allem in Europa und Asien.

Wie das möglich ist? Fast jede Transaktion am amerikanischen Häusermarkt endet heute damit, dass die öffentlich-rechtlichen Hypothekeninstitute Fannie Mae und Freddie Mac den Banken das Darlehen abkaufen oder garantieren. "Private Kreditanbieter fassen nichts an, was nicht von Fannie oder Freddie gedeckt wird", erklärt ein Insider an der Wall Street. Neun von zehn neu ausgereichten Hypotheken endeten direkt oder per Bürgschaft bei Fannie, Freddie oder der FHA, einem dritten öffentlichen Garantiegeber, rechnen Marktkenner vor.

Und was tut die Regierung? Hilft noch nach! Per Mandat hat der Präsident die drei Institute angewiesen, noch mehr zu tun. Barack Obama, der oberste Hypothekendrücker der USA.

So kommt es, dass die Internetseite der Federal Housing Administration, ebenjener FHA, inzwischen so aussieht wie zweifelhafte Inserate aus der schlimmsten Zeit vor dem Crash. "Wir bieten Darlehen mit nur 3,5 Prozent Anzahlung und die Möglichkeit, die meisten Kaufabschlussgebühren zu finanzieren!", lockt man dort in bunten Lettern. Kein Cash? Kein Problem.

 

Wie bei Fannie und Freddie lautet auch der Staatsauftrag an die FHA, möglichst vielen Amerikanern ein eigenes Heim zu verschaffen. Täglich reicht sie derzeit Garantien für 6000 neue Bankdarlehen aus – mehr als viermal so viele wie noch im Jahr 2006. Auf fast 700 Milliarden Dollar ist ihr Hypothekenberg angeschwollen.

Diese staatlich sanktionierten Kredite werden dann – was denn sonst? – gebündelt und als Wertpapiere an Investoren in aller Welt vertrieben. Die Summen sind gigantisch. Im Fall von Fannie und Freddie, den weit größeren Schwestern der FHA, stehen die Steuerzahler bereits für die Summe von fünf Billionen Dollar an ausgereichten Kreditpapieren gerade – das ist das Eineinhalbfache des Bruttoinlandsprodukts von Deutschland. Die beiden haben außerdem schon Schulden in Höhe von 1,7 Billionen Dollar. Es werden ständig mehr.

Da beginnt womöglich das nächste riesige Problem in den USA. Fannie und Freddie sind schwer angeschlagen, weil sie schon vor der Krise ganz groß im Geschäft mit riskanten Immobilienpapieren waren. Es war ja ihre ureigenste Aufgabe. Indem die öffentlich-rechtlichen Institute viele Baudarlehen ankauften oder absicherten, wurde bei privaten Banken wieder Kapital frei, das dann erneut an Hauskäufer und Bauherren ausgereicht werden konnte. Es waren Fannie und Freddie, die einst das Modell erfanden, das dann die Wall-Street-Häuser bis zum Exzess trieben.

Am grundlegenden Modell hat sich nichts geändert: Fannie und Freddie finanzieren sich bis heute durch den Verkauf von Wertpapieren aus gebündelten Hypothekenkrediten. Diese gelten allerdings dank der Staatsnähe von Fannie und Freddie als so sicher wie Staatspapiere, nur mit höheren Zinsen. Vor der Krise wurden sie internationale Bestseller, gerne genommen von deutschen Landesbanken, norwegischen Pensionsfonds und asiatischen Zentralbanken. Auch am berühmten Subprime-Markt für Schrotthypotheken mischten Fannie und Freddie nach Kräften mit.

Im heißen Krisensommer 2008 standen die Giganten dann am Abgrund, aber der damalige Finanzminister Henry Paulson hielt sie fest. Anfang September 2008 übernahm die US-Regierung je einen Anteil von 80 Prozent an Fannie und Freddie. Seither sind sie am Tropf des Steuerzahlers. Die Regierung musste 127 Milliarden Dollar einschießen, um die schwankenden Riesen zu stützen.

Doch es könnte ein Vielfaches davon werden. Denn Obamas Regierung hat kürzlich eine Obergrenze abgeschafft, nach der Fannie und Freddie höchstens 400 Milliarden Dollar Hilfen bekommen dürfen. "Damit hat sie Fannie und Freddie einen Blankoscheck ausgestellt", sagt Alex Pollock, ein Experte beim konservativen American Enterprise Institute in Washington.

Der Grund: Obama braucht Fannie und Freddie, diese zwei klammen Giganten, die auch zweifelhafteste Immobilienkredite noch decken. Ohne sie würde womöglich der Immobilienmarkt noch tiefer in die Krise getrieben und einer breiten Wirtschaftserholung der Boden entzogen. Denn eigentlich sieht es am Immobilienmarkt der USA düster aus, und die Ausfallrisiken sind hoch. In Florida, Nevada, Arizona und Kalifornien stehen ganze Stadtviertel und Siedlungen mit Spekulationsruinen leer. Branchenbeobachter erwarten, dass die Zahl der Zwangsversteigerungen in diesem Jahr mit bis zu 4,5 Millionen Eigenheimen einen neuen Rekord erreicht.

Seit dem Höhepunkt des Booms sind die Preise in vielen Regionen um mehr als 30 Prozent abgestürzt – eine von vier Hypotheken im Land ist "unter Wasser", ist also weniger wert als die ausstehende Kreditsumme. Für die Eigentümer rechnet es sich kaum, die Raten weiter zu bezahlen, und viele stellen ihre Zahlungen tatsächlich ein. Fallen die Preise wie prognostiziert noch einmal um fünf bis zehn Prozent, wachsen die Verluste für Fannie und Freddie weiter. Bis zu einer Billion Dollar an Kreditausfällen erwartet Sean Egan, Chef der Rating-Agentur Egan-Jones. "Und das ist noch konservativ gerechnet." Andere stimmen zu. "Die Lage dürfte sich zuspitzen, wenn die Zinsen irgendwann wieder anziehen", sagt Mark Calabria, Finanzregulierungsfachmann beim Cato Institute.

 

Bisher hat die Notenbank Federal Reserve die Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute gestützt. So hält der oberste Zentralbanker Ben Bernanke den Zinssatz nahe null. Rund 1,25 Billionen Dollar an Hypothekenpapieren hat die Fed während der Finanzkrise zudem bei Fannie und Freddie angekauft und damit ebenfalls Geld in die maroden Institutionen gepumpt. Doch seit Mitte März ist damit Schluss.

Wie soll es nun weitergehen mit Fannie und Freddie? Darauf will Obama keine klare Antwort geben – zumindest vorerst nicht. Nach einigen halbherzigen Anhörungen zum Thema hat die Regierung angekündigt, frühestens im kommenden Jahr einen Reformvorschlag vorzulegen, also nach den Kongresswahlen im November.

Unterdessen läuft offenbar eine Art Tarnmanöver. Washington will nicht klar sagen, dass es sich bei den wachsenden Verpflichtungen der Hypothekeninstitute um Staatsschulden handelt. Anfang des Monats schrieb Finanzminister Tim Geithner in einem Brief an einen skeptischen Volksvertreter, es handle sich bei den Fannie- und Freddie-Papieren gerade nicht um Staatspapiere. Zwar beeilte er sich hinzuzufügen, dass kein Zweifel an der Verpflichtung der USA bestehe, die beiden Institute zu unterstützen. Doch es ist ein feiner, aber unter Umständen schwerwiegender Unterschied: "Das ist ein Versprechen, aber kein Rechtsanspruch", sagt Finanzexperte Calabria.

60 Prozent der ausstehenden Papiere sind in ausländischer Hand. Auch private wie öffentliche deutsche Institute haben sich in den guten Jahren eingedeckt. Es gibt jedoch keine offiziellen Angaben, wer wie viel hält.

Eigentlich, sagen Kritiker, müssten solche Schulden im staatlichen Budget aufgeführt werden – falls sie wirklich zurückgezahlt werden sollen. Daran zweifelt derzeit noch niemand offen. Doch Nervosität schafft der Fall auch so. Schließlich hat die Staatsverschuldung der USA mit über zwölf Billionen Dollar schon ein historisches Hoch erreicht – sie entspricht fast 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Die Regierung spielt ein gefährliches Spiel mit unserer Solvenz", sagt Joseph Mason, Finanzprofessor an der Louisiana State University.

Was geschieht also, wenn jetzt mit staatlicher Hilfe eine neue Immobilienblase in den USA entsteht – und wenn auch sie am Ende platzt? Dann muss der Staat Fannie und Freddie retten, und die USA rutschen weiter in die Schuldenfalle. Oder er tut es nicht, und der Wert des Dollar und das Vertrauen in den Schuldner USA sinken umso schneller.

Für die Stabilität der Weltwirtschaft kann man deshalb nur wünschen, dass die neue Wette der USA besser verläuft als die alte.