Religionspolitisch herrscht in Deutschland Unordnung, und das ist auch gut so. Dies ist ein Land von Gläubigen und Ungläubigen, die es beide in einer toleranten und einer militanten Spielart gibt. Es ist das Land der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges, ziemlich gleichmäßig geteilt in Protestanten und Katholiken – schon das Christentum selbst ist hier pluralistisch. Das Judentum, das die Nationalsozialisten ausrotten wollten, wird durch Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion belebt und gewandelt. Dann sind da neuerdings die Muslime. Das alles wird zusammengehalten durch eine eigentümliche Rechtsordnung, in der Staat und Religion nicht verbunden, aber auch nicht säuberlich getrennt sind, in der ein weltanschaulich neutrales Gemeinwesen trotzdem Kirchensteuern eintreibt und an den staatlichen Schulen Religionsunterricht anbietet.

Gut ist diese etwas widersprüchliche Buntheit, weil sie der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts entspricht. In einer Welt der Migration und der Globalisierung kann man Staaten nur um den Preis großer Spannungen darauf gründen, dass alle dasselbe glauben (wie in Saudi-Arabien) oder dass Religion öffentlich irrelevant ist (wie in Frankreich). Aber auch für das relativ entspannte Deutschland bringt die Menschen- und Glaubensvielfalt gesellschaftlichen Stress mit sich. Das ist die eigentliche Bedeutung des Streits um die später zurückgezogenen Äußerungen der neuen niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan, die zum Ärger ihrer christdemokratischen Parteifreunde gegen Kruzifixe in Klassenzimmern Stellung nahm: Dies ist ein typischer, zukunftsträchtiger Konflikt; wir werden mehr davon erleben.

Der Übergang in die multireligiöse Gesellschaft kann sich gar nicht anders als unter heftigem Rumpeln vollziehen. Nicht nur sind neue Spieler hinzugekommen wie die Muslime – und eine zunehmend akzeptierte radikale Religionsfeindschaft, die in jedem Glauben bloß noch Aberglauben sieht (nach der Devise: Papst Benedikt XVI. gehört als Chef einer Kinderschänder-Bande vor Gericht).

Auch die Frontlinien im weltanschaulichen Streit verlaufen inzwischen kreuz und quer. Natürlich kann man, "konservativ", dem Islam misstrauen, weil man um das christliche Abendland fürchtet. Aber es sind auch, ebenso "konservativ", christlich-muslimische Bündnisse im Zeichen von Sitte und Anstand, Moral und Familie vorstellbar. Der CSU-Mann Peter Gauweiler hat dafür ein Beispiel gegeben, als er erklärte, Kopftuchmädchen seien ihm lieber als Arschgeweih-Mädchen. Und "linke" Islamkritiker (die Religion für das Opium des Volkes halten) stehen gegen "linke" Islamfreunde (deren Herz für Ausländer und fremde Kulturen schlägt).

Es war billig und unfair, sich über eine junge Politikerin aufzuregen, die in diesem unaufgeräumten, vollgestellten ideologischen Porzellanladen ein paar Schüsseln vom Regal gestoßen hat. Experimente, auch missglückte, gehören zum Suchprozess, den die Bundesrepublik beim Thema Einwanderung und Glaubensvielfalt durchmacht. Doch ist Aygül Özkans ursprüngliche Idee, die totale Reinigung der Schule von religiösen Symbolen, ob nun Kopftuch oder Kruzifix, deshalb richtig? Das ist sie nicht – obwohl viele sie einleuchtend finden.

Sie ist es deshalb nicht, weil sie einem falschen Ordnungs- und Klarheitsbedürfnis entspringt, einem religionspolitischen Sauberkeitswahn. Die Versuchung, im Glaubenschaos der Gegenwart auf den Tisch zu hauen und Tabula rasa zu machen, sich den ganzen lästigen Weltanschauungskram einfach mit einem Schlag vom Halse zu schaffen, ist groß, aber man muss ihr widerstehen. Die Türkei, aus der Aygül Özkans Familie stammt, hat seit ihrem Gründer Kemal Atatürk den vollkommen laizistischen, von aller öffentlichen Frömmigkeit gereinigten Staat zu schaffen versucht. Das Projekt ist gescheitert; heute regiert in Ankara mit Ministerpräsident Erdoğans AKP eine Partei, die ihre Wurzeln im politischen Islam hat. Unterdrückte, verleugnete, vergessene Religiosität hat die Tendenz, mit Macht wiederzukehren.

Jeder Glaube ist zunächst einmal gleich respektabel und human

Der Laizismus ist für Deutschland (und für die CDU/CSU) ebenso wenig eine Lösung wie die nostalgische Beschwörung einer längst brüchig gewordenen christlichen Nationalidentität. Die vernünftige Haltung ist eine allgemeine, aufgeklärte, tolerante und nicht unkritische Religionsfreundlichkeit. Nicht gleich verdächtig und bedrohlich sind alle Glaubensrichtungen, sondern zunächst einmal gleich respektabel, interessant und human – und dann muss man näher hinsehen. Dass Fanatiker sich im Namen der Religion über das Recht hinwegsetzen, dass sie ihre Töchter nicht zur Schule schicken oder ihnen, wenn sie erwachsen sind, die freie Wahl des Ehepartners verweigern, kann der Staat nicht dulden. Aber vor Kopftüchern oder Kruzifixen soll er sich nicht fürchten.

Aygül Özkan hat am Dienstag ihren Amtseid als Ministerin mit der religiösen Beteuerungsformel geleistet: "So wahr mir Gott helfe!" Zum ersten Mal hat ein deutsches Kabinettsmitglied in einem deutschen Parlament Allah angerufen – und zugleich war der Name, der dabei ausgesprochen wurde, derselbe wie für den christlichen Gott. Eine Szene, in der das ganz Ungewohnte und das sehr Vertraute zusammenkamen. Und ein schönes Symbol für das Betreten eines Neulands, in dem uns noch viele Abenteuer begegnen werden, aber vor dem wir keine Angst haben müssen.

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