Die Geisel unserer Zeit sind fraglos jene heimtückischen Gesellen, die man gemeinhin Terroristen nennt. Das sind jene Kerle, die alles, was in diesem Land gut und heilig ist, zu vernichten gedenken, die das nationale Wertegebäude zum Einsturz bringen wollen. Seit ein paar Wochen weiß aber jedes Kind, dass unser Handeln Werte erfordert. Stand ja landauf, landab zu lesen. Und Werte brauchen Mut. Oder andersrum? Einerlei. Der Gesetzgeber fasste sich jedenfalls ein Herz und verschärfte das Anti-Terror-Gesetz. Nun befindet sich auch die Gewalt der Sprache im Visier der Terrorfahnder. Wiederholte Herabwürdigung der Staatsspitze kann jetzt nicht mehr als schlichte Majestätsbeleidigung durchgehen. Sie muss vielmehr als terroristischer Akt angesehen und verfolgt werden. Schimpfen drei, kommt zusätzlich der Mafiaparagraf (§ 278 StGB) zur Anwendung. Ebenfalls untersagt sind in Zukunft abfällige Bemerkungen, die auf Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, Weltanschauung oder eine Behinderung abzielen. Die Verfassungsschützer werden nun gern auf Stasimethoden zurückgreifen. V-Leute an den Stammtischen werden künftig alle gemeingefährlichen Blondinenwitze ihrer Dienststelle melden. Auch die Satiriker, die selbst ernannte Opposition des Landes, bekommen die Härte des Gesetzes zu spüren, denn jede öffentliche Kritik am System und seinen Proponenten stellt bekanntlich ein Sicherheitsrisiko dar. Es ist hinlänglich erwiesen, wie kurz der Weg vom Kabarett zu al-Qaida ist. Heute noch ein ironischer Spötter, morgen bereits ein Selbstmordattentäter. Die Grenzen im Dschihad verlaufen fließend. Endlich schützt sich unsere wehrhafte Demokratie vor terroristischen Pointen über Politiker und angebliche Missstände. Das Recht auf freie Meinungsäußerung bleibt natürlich unangetastet, solange es in den eigenen vier Wänden und im engsten Freundeskreis ausgeübt wird. Beschlossen wurde diese Meisterleistung der Regierungskunst ausgerechnet am 20. April – natürlich ein Zufall.