Es klingelt kurz, wenn die Eingangstür auf- und zugeht. An diesem Donnerstag läutet es ganze drei Mal. Es ist vergleichsweise viel los im Österreichischen Verband für Stenografie und Textverarbeitung im Zweiten Wiener Gemeindebezirk. Zuerst erscheint eine pensionierte Lehrerin in dem etwa 140 Quadratmeter großen Büro im ersten Stock. Dann ein Herr, der im Brotberuf für die Finanzmarktaufsicht arbeitet. Als Letzter stößt ein weißhaariger Landtagsstenograf zu der Runde. Man könnte meinen, dass sich die drei zu ihrem wöchentlichen Kartenspiel verabredet haben. Doch das Trio beseelt ein gravierendes Anliegen. Es versucht eine jahrhundertealte Schreibtechnik am Leben zu erhalten, die heute kaum noch angewendet wird: die Kunst der Stenografie.

Filterkaffee zischt leise in der Maschine. Edith Vartok, die Gastgeberin, packt Apfelkuchen aus. Der Landtagsstenograf rätselt gerade über einem Steno-Kürzel und vergleicht es mit den Notizen seiner Kollegen. "Ich kürze das immer so ab, um schneller zu sein", assistiert Frau Vartok und kritzelt mit einem Bleistift einige Häkchen auf das Papier. Die 63-jährige Stenografielehrerin ist eine aus dem letzten halben Dutzend, das sich heute noch an Wettbewerben in Österreich beteiligt. Als sie geboren wurde, schrieben allein 35.000 Schüler in landesweiten Schnellschriftmeisterschaften um die Wette. "Keiner will heutzutage mehr Stenografie lernen", sagt die Dame mit den strengen Mundwinkeln, "dabei wäre sie so nützlich für Studenten." Ein wenig Wehmut und mildes Unverständnis schwingen in ihrer Stimme mit, wenn sie über den mangelnden Nachwuchs spricht. Ob der Verband eine Strategie habe, die Jungen wieder für die aussterbende Schreibdisziplin zu begeistern? "Nein", sagt Vartok. Sie zieht das Wörtchen resigniert in die Länge.

Vor 60 Jahren zog der Stenografieverband in den Gemeindebau ein. Seither hat sich in den Räumen nicht viel verändert. Ein alter Ölspeicherofen wärmt die Kürzelkanzlei, die Regale sind voll mit Büchern, die noch in Steno gedruckt wurden. Im Nebenraum blickt Franz Xaver Gabelsberger von der holzverkleideten Wand. Vor beinahe 200 Jahren hatte der Münchner Beamte mit dem von ihm entwickelten Schreibsystem den Grundstein für die heute verwendete Deutsche Einheitskurzschrift gelegt.

Das Erlernen der Stenografie ist mühsam. Die gewohnten Buchstaben werden reduziert, Begriffe in Häkchen und zarte Linien verwandelt. So ist das Wörtchen "eine" in der Kurzschrift nicht mehr als ein schräger Strich, ein "ist" wird zu einem Pünktchen. Hoch- oder Tiefstellungen einzelner Kürzel können einem Wort eine völlig andere Bedeutung verleihen. Etwa ein Jahr dauert es, bis man sich von der Verkehrsschrift über die Eilschrift bis zur sogenannten Redeschrift vorgetastet hat. Dann werden ganze Endungen weggelassen, die Aussage erschließt sich aus dem Zusammenhang. Nur wer diese letzte Stufe beherrscht, kann auch so schnell mitschreiben wie gesprochen wird. 250 Silben sind das im Schnitt pro Minute.

Über die Jahre hat moderne Technik den linierten Stenoblock abgelöst. Computer, Diktiergeräte und Spracherkennungsprogramme verdrängten in Gerichtssälen, Universitäten und Unternehmen die einst unentbehrliche Fertigkeit. Vor 40 Jahren übten noch jährlich 500 Schüler im Verband, heute besuchen lediglich sechs Personen die Kurse. Längst wurden zwei der drei Schulungsräume geschlossen, der Computer ersetzt die Lehrkräfte. Mithilfe einer Lernsoftware üben Anfänger die ersten Bleistiftschwünge. Später diktiert Frau Vartok den Schülern einfache Geschäftsbriefe. Die Texte sind seit Jahren die gleichen. "Wer nicht mit der Zeit geht – geht mit der Zeit" heißt es auf der Webseite des Verbandes. Der Sinnspruch klingt nach einer Durchhalteparole.

Seit Jahrhunderten ist Schnellschrift eng mit dem Parlamentarismus verbunden

Zu verstaubt war es Caroline Pauser immer, wenn sie in den Kursräumen des Steno-Verbandes übte. Die 38-Jährige arbeitet in der letzten Bastion der Kurzschrift: dem Parlament. Nur noch die Debatten von National- und Bundesrat werden von fest angestellten Fachkräften in Kurzschrift protokolliert. Das Hohe Haus beschäftigt ein Dutzend Parlamentsstenografen, zehn Frauen und zwei Männer. Vor 14 Jahren stieß die schlanke Brünette als bislang Letzte zu diesem exklusiven Grüppchen. Allgemeinwissen, politisches Interesse und Kurzschriftkenntnisse waren gefordert. All das brachte die damals 24-Jährige, die Steno als Freifach am Gymnasium gelernt hatte, mit.

Die Stenografie ist seit dem klassischen Altertum eng mit dem Parlamentarismus verbunden. Als Erfinder dieser Schriftkunst gelten die antiken Griechen. Deren im Laufe der Zeit perfektionierte Technik kam erstmals 63 vor Christus bei Sitzungen des Römischen Senats zum Einsatz. In Österreich wurde die Kurzschrift mit dem Beginn des modernen Parlamentarismus institutionalisiert. Bei der Gründung des Reichstags wurde 1848 auch ein Stenografenbüro eingerichtet. Abhängig von der politischen Situation, vergrößerte oder verkleinerte sich das Büro. An den stenografischen Protokollen hielt man weiterhin fest, als mit der Geburtsstunde der Zweiten Republik die Reden akustisch aufgezeichnet wurden. Niemand stellte je den Nutzen der Mitschriften infrage. Wie ehedem wechseln sich die Stenografen während der Plenarsitzungen nach einem fixen System ab.