Günter Pescher aus Wuppertal wollte 1965 ein Haus bauen. Seine Frau zeigte ihm damals ein Magazin mit Fotos von eleganten, modernen Häusern in Südkalifornien. Gebaut hatte sie ein Architekt namens Richard Neutra, ein Österreicher, den die fortschrittlichen Millionäre der Westküste liebten und der sogar vom Hollywoodstar Mae West mit Aufträgen bedacht wurde. Genau wie sie wollte nun auch Frau Pescher aus Wuppertal wohnen.

"So einen weltberühmten Architekten können wir uns niemals leisten", sagte Herr Pescher – und schrieb dann doch eine Anfrage an das Büro des Architekten in Los Angeles. Vier Jahre später zogen die Peschers in ihr eigenes Richard-Neutra-Haus, der amerikanische Architekt war sogar günstiger gewesen als seine deutschen Kollegen. Es ist ein schönes, klar strukturiertes Gebäude aus zwei flachen Kuben, vom raffiniert angelegten Garten nur durch eine breite Glasfront getrennt. Der Himmel spiegelt sich in einem Wasserbassin gleich vor den Fenstern, und für einen Moment könnte man meinen, dass der Rasen und die Wolken, quasi das ganze Universum, hineindrängten in dieses schöne, klare Heim, um es sich unter dem auskragenden Flachdach gemütlich zu machen. Günter Pescher, heute 89 Jahre alt, ist hier noch immer sehr glücklich.

In Kalifornien sind die Häuser Neutras, der noch bei Adolf Loos in Wien studiert und später zwei Jahre bei Erich Mendelssohn in Berlin gearbeitet hatte, inzwischen sehr viel wert und werden wie Kunstwerke gehandelt. Sein Kaufmann-Haus in Palm Springs wurde vor zwei Jahren für knapp 17 Millionen Dollar von dem Auktionshaus Christie’s versteigert.

Neutras Villa in Wuppertal fand hingegen bislang nur wenig Beachtung. Noch nicht einmal die dicken Coffeetable-Books über Neutra, der zu den wichtigen Mitgründern der California Modern zählt, ist das Haus verzeichnet. Auch sonst wurde das Spätwerk des 1923 ausgewanderten Architekten nur selten gewürdigt. Erst jetzt versammelt eine große Ausstellung im Museum Marta in Herford zahlreiche Skizzen, Pläne, Modelle und Fotos aus dem letzten Lebensjahrzehnt Richard Neutras (1892 bis 1970).

Acht Villen und zwei Wohnsiedlungen aus den sechziger Jahren werden insgesamt gezeigt, und auch einige unrealisierte Pläne sind zu sehen, etwa ein Entwurf für das Schauspielhaus Düsseldorf und ein Projekt für die Familie Henkel. Allerdings war den Henkels der Villenentwurf Neutras letztlich doch zu transparent und neuartig.

Anders der ZEIT -Gründer Gerd Bucerius, den Neutras Bauten und Schriften so beeindruckt hatten, dass er sich von ihm eine Villa oberhalb von Locarno bauen ließ. Ausgestattet mit einigen aufwendigen technischen Installationen – mit deren Hilfe etwa der Pool in Außen- und Innenbecken getrennt werden kann –, kostete das Haus schließlich weit mehr als geplant.

Aber Neutra baute nicht allein für die Reichen und Wichtigen. Für die Bewobau, eine Untergruppe der Neuen Heimat, errichtete er Anfang der sechziger Jahre zwei größere Wohnsiedlungen in Walldorf und Quickborn. Und auch hier gelang es ihm wie bei vielen seiner Villen, die Gärten in die Häuser hereinzuholen – durch reflecting pools Glasfassaden und Spiegel.