Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Hessischer Landtag 1995, Plenarsitzung, Mittagspause. Ich bin 24 Jahre alt und seit einigen Monaten Abgeordneter. Es herrscht großes Gedränge beim Anstehen in der Kantine. Ein älterer CDU-Abgeordneter steht hinter mir und sagt dann freundlich: "Na, Al-Wazir, wenn dann mal die Moslems die Macht übernehmen, dann legst du doch ein gutes Wort für mich ein, oder?" Bis heute habe ich nicht vergessen, wie perplex ich damals war. Ich war einfach nur sprachlos.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Der Abgeordnete, der heute keiner mehr ist, war das, was im Parlament ein "Original" genannt wird. Bis heute weiß ich nicht, was in seinem Kopf vorging. Wollte er witzig sein? Hat mein Name bei ihm Ängste ausgelöst? Wusste er überhaupt, ob und was ich glaube? 

Heute, 15 Jahre später, kann ich über die Bemerkung schmunzeln. Wahrscheinlich würde heute auch kein CDU-Abgeordneter mehr einem Neuabgeordneten mit offensichtlichem Migrationshintergrund gegenüber eine solche Bemerkung machen. Im Jahr 2010 sind die Özdemirs und Al-Wazirs glücklicherweise auch nicht mehr die Exoten, die sie Mitte der neunziger Jahre in deutschen Parlamenten waren.

Die Frage, die ich mir heute manchmal stelle, ist: Wie viele Abgeordnete denken an die absurde Frage der "Machtübernahme der Moslems", ohne sie auszusprechen?

Tarek Al-Wazir, 39, ist Landesvorsitzender der hessischen Grünen