Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Der erste Türke meines Lebens hieß Ali. Das heißt, genau genommen weiß ich nicht, ob er wirklich Türke war oder einen Migrationshintergrund hatte. Das Wort gab es in den Siebzigern noch nicht, jedenfalls nicht im Erftkreis in der Nähe von Köln.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Was es gab, war die allgemeine Schulpflicht, die von Ali oder seinen Eltern nicht sehr ernst genommen wurden. Ali wurde etwa jeden zweiten Tag von der Polizei zur Schule gebracht. Das waren die spektakulären Tage, an denen es etwas zu sehen gab. Die Tage, an denen Ali nicht kam, waren die besseren, denn Ali hatte die Angewohnheit, seine Mitschüler mit allem zu schlagen, mit dem man ausholen konnte, meistens riss er zu diesem Zweck Brennnesseln aus. Wir waren sieben, Ali war älter. Irgendwann kam er nicht mehr. Wir waren nicht besonders traurig.

Später ging ich aufs Gymnasium, der Schulweg führte vorbei an einer Hochhaussiedlung, in der fast nur Türken wohnten. Für mich hieß das: fünf Minuten Angst, so lange, wie es dauerte, bis man an den Hochhäusern vorbei war. Erleichterung, wenn nichts passiert war, niemand gedroht, niemand mich beschimpft, mir den Weg verstellt oder mich mit irgendetwas beworfen hatte. An der Schule selbst gab es kaum Türken, zu den Feten kamen sie aber ab und zu, selten in guter Absicht. Manchmal gab es Ärger zwischen den Türken und den deutschen Jungs, dann schlugen die Türken vor, doch mal kurz rauszugehen. Man ging mit einem raus und traf draußen zehn. Manchmal fasste einem jemand von hinten zwischen die Beine, man konnte sich darauf verlassen, dass es ein Türke war. Irgendwer erklärte einmal, das habe mit der anderen Kultur zu tun: ein Mädchen, das kein Kopftuch trage, dafür aber einen tiefen Rückenausschnitt, sei aus türkischer Sicht eben "leicht zu haben".

Der einzige nette Türke, den ich in meiner Schulzeit kannte, war ein liebenswürdiger kiffender Anarchist. Bei unseren Ausflügen mit dem Auto in die nahe gelegenen niederländischen Coffeeshops musste er sich auf dem Rückweg immer hinlegen, sonst konnte man sicher sein, an der Grenze kontrolliert zu werden. Wir haben ihn trotzdem immer mitgenommen.

Tina Hildebrandt, 40, ist Redakteurin der ZEIT