Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Er stand vor mir, direkt vor mir. Hätte er in meine Augen geblickt, was ihm ein Leichtes gewesen wäre, hätte er die Farbe der Iris erkennen können. Doch er blickte mir nicht in die Augen. Er sprach mit meinem Begleiter, Nordafrikaner wie er. Ein kurzes Treffen auf einer Straße in Hamburg, ein paar Worte, ein paar flüchtige Küsse auf die Wangen. Doch die Frau neben dem Mann ignorierte er vollständig. Es war nicht so, dass er mich einfach nicht ansah, dass er mir nicht die Hand gab, dass er mir nicht zunickte. Er ignorierte mich, er grenzte mich aus, obwohl wir die gleiche Straße teilten.

Das habe mit Respekt zu tun, erklärte mein Begleiter später. "Frauen komplett zu ignorieren hat mit Respekt zu tun?" Er nickte. "Manche Menschen glauben, dass sie einer Frau dadurch Respekt zeigen, dass sie sie nicht beachten." Plötzlich war das meine Straße, meine Stadt, mein Land. Ich wollte nicht, dass dieser Mann, der mich ignoriert hatte, Teil meiner Realität war. Ich fand es verachtend.

Elisabeth Knoblauch, 35, ist Diplom-Politologin