Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Es dauerte zwei Kaffee und ein Mineralwasser, bis ich begriff, dass die deutsche Gesellschaft und ich doch ziemlich verschlossen sind. Ich saß der Schulsprecherin einer Problemschule in Berlin-Neukölln gegenüber, einem Mädchen von 15 Jahren, das ein Kopftuch trug. Die Tage zuvor hatte ich sie auf dem Schulhof und in ihrer Klasse beobachtet. Sie war immer laut, lustig und immer umringt von anderen Mädchen, die auch Kopftücher trugen. Die Lehrer hatten sie mir als Gesprächspartnerin empfohlen. Sie habe sich gut entwickelt, sagten sie. Früher habe sie oft andere Schüler verprügelt, heute sei sie eine der Vernünftigsten.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Das klang gut, fand ich. Eine Schulsprecherin mit Kopftuch und Vergangenheit. Eine solche Geschichte passe sicher vorzüglich, um die Schwierigkeiten einer Problemschule zu beschreiben.

Ich sagte, sie solle mir ihren Alltag beschreiben. Sie sagte, da sei ihre Familie, die Schule und die Moschee. In den letzten Wochen sei ein Gastprediger aus Beirut da gewesen, man habe mit ihm gebetet und über Religion und das Leben gesprochen. Das war schön, sagte sie. Sie erzählte, dass sie in Berlin geboren und erst einmal in Beirut gewesen sei. Sie sagte, sie möge Berlin sehr, aber mit Deutschland fremdle sie, sie wisse nicht, was das sei, Deutschland. Ich fragte, was sie an Berlin möge, und sie sagte, na ja, im Grunde sei es ja Neukölln, sie verlasse Neukölln nie. Und natürlich fragte ich dann, wie alle immer fragen, warum sie Neukölln nicht verlasse. Ob es daran liege, dass sie sich nur in den Mauern ihrer gewohnten Welt, der Neuköllner Migrantenwelt, wohlfühle.

Die Schulsprecherin sagte, sie würde schon gerne was anderes sehen, und zweimal sei sie auch nach Charlottenburg gefahren, auf den Kurfürstendamm. Aber es sei einfach unglaublich, wie sie angestarrt wurde. Sie traue sich da einfach nicht mehr hin.

Nach dem Gespräch fuhr ich von Neukölln zurück ins Büro und dachte, dass ich nichts, gar nichts von der Welt dieser 15-jährigen Berlinerin weiß. Und die nächsten Tage achtete ich darauf, wie viele Frauen mit Kopftuch ich auf zwei der prominentesten Berliner Straßen sah, der Friedrichstraße und Unter den Linden. Drei habe ich nach drei Tagen gezählt. Drei von einigen Hundert. Weniger geht fast nicht. Und ich fragte mich, ob dies mehr an Menschen wie mir liegt oder an Leuten wie der Neuköllner Schulsprecherin.

Stephan Lebert, 49, ist Redakteur der ZEIT