Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Gottes ist der Himmel, Gottes ist die Erde, selten aber weiß der Mensch, wo er hingehört. Meine Mutter hätte sich wohl kaum vorstellen können, eines Tages in Berlin beerdigt zu werden. Sie verschob die Entscheidung über die letzten Dinge fast bis zu ihrem letzten Tag. Doch am Ende hatte sie beschlossen, dort zu ruhen, wo ihr Mann und Sohn leben.

Also machte ich mich auf die Suche nach einem islamischen Friedhof in Berlin. Die Suche endete an einer Moschee mit umliegendem Friedhof im Stadtteil Neukölln. Das Grundstück war ein Geschenk des Preußenkönigs an den befreundeten Sultan. Drum herum befinden sich Soldatengräber aus dem Ersten Weltkrieg. Teile des Friedhofs wurden den Muslimen zur Verfügung gestellt.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Und dieser Teil des Friedhofs wächst. Christen werden hier nicht mehr bestattet, damit man auch nach dem Tod unter sich bleiben kann. Allerdings behindern zahlreiche Verordnungen und Vorschriften die muslimischen Bestattungsrituale. Nicht gestattet ist es beispielsweise, bloß in weißem Leichentuch und ohne Sarg bestattet zu werden.

Also trugen wir an einem tristen Berliner Novembertag den Sarg meiner Mutter an die Grabstelle und versenkten ihn tief in die Erde, tiefer als bei jeder muslimischen Bestattung üblich. Der Imam sang die Sure Ya-Sin aus dem Koran, eine eindrucksvolle Beschreibung der Wiederauferstehung am Ende der Tage. Die Stille eines Friedhofs übersetzt jeden einzelnen Laut in alle Sprachen. Die angrenzenden christlichen Gräber lauschten.

Die meisten muslimischen Gräber auf diesem Friedhof sind Kindergräber. Alte Menschen muslimischen Glaubens lassen sich fast immer in ihrer Heimat bestatten. Nur die Kinder bleiben hier und inmitten von ihnen also meine Mutter.

Etwas in mir hellte auf an diesem traurigen Tag, dem traurigsten meines Lebens. Wie gut das zu ihr passte, zu der Frau, die ihr Leben lang im Beruf und in ihrer Seele Pädagogin gewesen war. Eine der türkischen Frauen, Jahrgang 1923, die den Schleier ablegten und einen Beruf ausüben konnten, der sie erfüllte. Eine Pionierin. Auch in ihrer letzten Ruhestätte, in Berlin.

Zafer Şenocak , 49, ist Schriftsteller