Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Die deutsche Oma wohnte unter uns. Jeden Tag stand sie vor der Tür, um sich über unseren Lärm zu beschweren. Mal war es zu laut in der Küche, die uns auch als Badezimmer diente. Mal war es zu laut im Wohnzimmer, das uns auch als Kinderzimmer diente. Sie kam jeden Tag, kurz vor oder nach der Mittagszeit, und versuchte meiner Mutter klarzumachen, dass es nun einmal zu laut sei. Gemeinsam versuchten wir herauszufinden, woran es lag. "Da rrrrollt immer etwas über meinem Kopf!", sagte sie unversöhnlich, während meine Mutter so tat, als würde sie etwas verstehen.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Wir luden die deutsche Oma auf einen Tee ein, damit sie sich selbst davon überzeugen konnte, dass wir keinen Lastwagen im Wohnzimmer versteckten. Sie wollte nicht. Wir ahnten, dass wir etwas falsch machten – es musste an uns liegen! Also schleppten wir nach und nach alles, was irgendwie "rrrrollen" konnte, an die Tür, um es der deutschen Oma zu zeigen: Spielzeugautos, kleine Plastiksoldaten samt Panzer, die mein Bruder aus der Türkei mitgebracht hatte, und einen Schreibtischstuhl.

So standen wir da vor der Oma, eine türkische Mutter, ihre beiden kleinen Kinder, alle noch nicht so richtig des Deutschen mächtig, und ein Schreibtischstuhl. "Da!", schrie die Oma nur und zeigte auf das Möbelstück. Fortan kam ein dicker Läufer unter den Schreibtischstuhl, der dann auf diesem Untergrund eh nicht mehr "rrrrollen" konnte. Das Rollen hörte auf, aber die Oma stand dennoch täglich auf der Matte. Ich glaube, nicht der dickste Orientteppich der Welt hätte die Geräusche der fremden Familie dämpfen können.

Özlem Topçu, 33, ist Redakteurin der ZEIT