Welche Geschichten verbinden Muslime mit christlich geprägten Deutschen und umgekehrt? In der Serie "Muslimische Momente" erzählen Politiker, Schriftsteller, Redakteure, Krankenschwestern und Arbeiter von ihren Berührungspunkten zwischen den Kulturen, Konfessionen und Glaubenswelten.

Amtsgericht Tiergarten, Saal B131. Weiße Wände, grüne Plastikstühle. Zwei Wachtmeister führen K. herein, geboren 1988 in Berlin, vierter Sohn türkischer Eltern, kein Schulabschluss, derzeit in der Jugendstrafanstalt, dreieinhalb Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung. Jetzt steht K. wieder vor Gericht. Weil er im Knast einen anderen Häftling mit Urin begossen haben soll. Eine tätliche Beleidigung.

Begegnungen zwischen Muslimen und den christlich-geprägten Deutschen. Serie © Zohra Bensemra/Reuters

Das Opfer ist als Zeuge geladen: Tommy, ein blasser Jüngling, arbeitslos, blau-weiß gefleckte Jeans, viel Metall in Wange, Lippen, Nase. Tommy guckte aus dem Fenster seiner Zelle, als ihn eine Ladung Feuchtes traf, abgefeuert aus der Nachbarzelle. In der K. saß. Tommy brüllte los, "da kam schon die nächste Furie". Er meint: die nächste Fuhre. "Dit is Pisse, hab ick gemeckert."

K. hört schweigend zu. Er trägt ein bisschen Bart am Kinn, Gel im kurz rasierten Haar und schaut aus dem Fenster. Draußen regnet es. Drinnen läuft es gut für ihn. Tommy will sich irgendwie an nichts mehr erinnern. Die Richterin sagt ungehalten, er habe doch Anzeige erstattet. Tommy zuckt mit den Achseln. "Dit war für mich keene große Sache", nuschelt er. Ob er sich denn wenigstens sicher sei, was da über ihn gegossen worden sei. "Nee, eigentlich nich." Der Zeuge wird entlassen.

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Einstellung des Verfahrens, K.s Anwalt einen Freispruch. Die Kammer berät kurz, dann wird K. freigesprochen. "Sie sehen", sagt die Richterin, "der Rechtsstaat wirkt auch zu Ihren Gunsten." K. geht zurück in die Haft, ein leichtes Lächeln im Gesicht.

Heinrich Wefing, 44, ist Redakteur der ZEIT