Das Halleluja ist für Jörg Antoine das, was für andere der morgendliche Kaffee ist: ein Startsignal in den Arbeitstag. Aus tiefster Brust schmettert der 41-Jährige in dunklem Anzug und gestreifter Krawatte den Lobgesang. Antoine arbeitet als Jurist bei dem Diakonischen Werk der evangelischen Kirche in Hannover, als ihr stellvertretender Präsident leitet er heute die Präsidiumssitzung.

In Hufeisenform sitzen die übrigen Mitglieder des Präsidiums ihm gegenüber, auch ihre Köpfe sind über die blauen Gesangbücher gebeugt. Dass Antoine nicht eine Tagung der Vorstandsetage einer großen Wirtschaftskanzlei leitet, hört man nicht nur an den Halleluja- Klängen, die durch den Raum schallen, und dem Murmeln beim Vaterunser, sondern man sieht es auch an dem übergroßen Kreuz, das an der Wand hängt, und den Gesangbüchern, die sich neben der Tür auf einem Tisch stapeln.

Was genau machst du eigentlich? Diese Frage hören Jörg Antoine und seine Kollegen aus der Rechtsabteilung der Diakonie regelmäßig. Vor acht Jahren war das für Antoine noch ein wenig einfacher zu erklären: Da hatte er einen weltlichen Arbeitgeber. Es reichten ein, zwei Sätze, um klarzumachen, was er bei der Rechtsanwaltskanzlei, die sich auf Immobilienfonds spezialisiert hatte, so arbeitete. Dort verhandelte er mit Banken und Anlegern, erstellte Konzepte, um das Fortbestehen des Fonds zu sichern. Er mochte seine Arbeit, ihm gefiel es, verschiedene Interessen auf einen Nenner zu bringen.

Doch irgendwie fehlte ihm etwas: Noch jahrelang sich um das Geld der Anleger und der Banken zu kümmern, darauf hatte er keine Lust. Schon während des Studiums und auch neben seiner Arbeit in der Kanzlei war er in seiner Gemeinde aktiv: In Gesprächskreisen diskutierte er über die Auslegung der Römerbriefe oder das Kruzifix-Urteil, als Laie leitete er Gottesdienste. Warum wechsele ich nicht zur Kirche?, fragte er sich. "Dadurch dass mein Arbeitgeber die Kirche ist, bekommt auch mein Job einen ganz neuen Sinn", sagt Antoine heute.

"Alle arbeiten auf ein großes Ziel hin und haben ähnliche Wertvorstellungen", sagt er, wenn man ihn nach den Besonderheiten fragt, die sein kirchlicher Arbeitgeber mit sich bringt. Während seiner Zeit in der Anwaltskanzlei sei es seine Aufgabe gewesen, Menschen zu helfen, ihr Vermögen zu behalten. Jetzt würden die Fragen weiter gefasst, es gehe nicht nur um Vermögensvermehrung, sondern auch um die Frage: Wer hat es nötig?

Bei ihrer Arbeit kümmern sich die Rechtswissenschaftler der Kirche um alle juristischen Belange ihres Arbeitgebers: Sie überprüfen Verträge, schreiben Gutachten und kontrollieren die Beschlüsse auf ihre Rechtmäßigkeit. Das Diakonische Werk der evangelischen Landeskirche in Hannover versteht sich als Dachverband aller diakonischen Einrichtungen in der Stadt. Kindergärten, Altenheime oder auch Schuldnerberatungen – all diese Einrichtungen beraten Jörg Antoine und seine Kollegen in der Rechtsabteilung bei Fragen wie: Wie setze ich einen befristeten Arbeitsvertrag auf? Was muss ich bei Datenschutz-Richtlinien beachten? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen müssen stimmen, wenn die Vereinsstruktur geändert wird?

Genaue Zahlen, wie viele Juristen tatsächlich bei der Kirche oder einer christlichen Einrichtung arbeiten, gibt es nicht. Allein die 27 Bistümer der katholischen Kirche in Deutschland haben je eine Rechtsabteilung. Die evangelische Kirche schätzt die Zahl im Bereich der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) auf rund 200. Im Landeskirchenamt in Hannover zum Beispiel arbeiten genauso viele Juristen wie Theologen: Von den 200 Mitarbeitern sind jeweils 13 Juristen und 13 Theologen.