Sonst sind es Weltstars wie Barbra Streisand oder Showgrößen wie Otto, die das Zürcher Kongresshaus füllen. Konrad Hummler aber schafft das auch – selbst in einer Zeit, in der Bankiers die Prügelknaben der Nation sind. Als er unlängst wieder über die Finanzkrise referierte, kamen 1600 Zuhörer, alles ausverkauft.

Ob in Zürich, St. Gallen oder Genf, Hummler vermittelt das, was den anderen Top-Shots der Finanzwelt abgeht: Orientierung, Verhältnismäßigkeit, Vertrauenswürdigkeit. Kein anderer Bankier in der Schweiz besitzt mehr Deutungsautorität als der Teilhaber der Bank Wegelin. "Konrad Hummler sprang in die Lücke, die ihm die Großbanken ließen, und er nützt dieses Vakuum geschickt aus", sagt der deutsche Bankier Franz-Josef Lerdo, der einst die Dresdner Bank in der Schweiz leitete.

So ist der Ostschweizer zu einer Art last man standing auf dem Finanzplatz Schweiz geworden. Deswegen zieht er sich auch Neid aus den eigenen Reihen zu. Sogar bei der Bankiervereinigung, dem Dachverband der Geldbranche, hört man hinter vorgehaltener Hand, die Inszenierungen dieses gewieften Selbstdarstellers erfolgten nicht nur aus altruistischen Motiven.

Aber fassbare und ehrliche Reflexionen aus der Finanzwelt sind heute eben mehr denn je gefragt. Hummler begibt sich alle zwei Monate für einige Tage in Klausur und verfasst einen Anlagekommentar, der mittlerweile an über 100.000 Abonnenten geht. Der Text versammelt jeweils überraschende Einfälle, verquere Beobachtungen und Gedankenspiele, die stark kontrastieren mit den drögen Verlautbarungen aus anderen Banken. Hummler scheut sich auch nicht, in andere Medien zu investieren. "Allein der Podcast des Anlagekommentars wird via iTunes heute mehrere 10.000 Mal heruntergeladen", sagt Nils Hafner, Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen IFZ in Zug. Und so haben die Medien den 57-jährigen Konrad Hummler zum Liebling erkoren und hofieren ihn als Gewissen seiner Branche.

Dabei geht dem Vater von vier Töchtern, der mit einer Holländerin verheiratet ist, die Pose des abgehobenen Bankers völlig ab. Lieber markiert Hummler den geistreichen Citoyen, der von sich behauptet: "Ich bin fast unersättlich interessiert." Im Kern vertritt er ein liberal-konservatives Weltbild: Heimat, Selbstverantwortung, Markt. Dabei verknüpft er seine Gedanken allerdings unkonventionell. So, wenn er für die Schweiz ein Stadtstaat-Modell à la Singapur propagiert, die Subprime-Konstrukte der Großbanken mit Gammelfleisch-Assoziationen erklärt oder – wie unlängst im Tages-Anzeiger – die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug mit der Feststellung verteidigt: "Dass die Deutschen daran keine Freude haben, kann ich nachvollziehen. Aber ein moralisches Problem sehe ich darin nicht. Die Saudi-Arabier haben auch keine Freude, dass bei uns auf Ehebruch nicht die Todesstrafe steht."

Hummlers Wertekodex passt ideal zum traditionsbewussten Bankhaus Wegelin, dem er mit seinem Berufskameraden Otto Bruderer vorsteht. Beide haben sich ihre Sporen bei der Schweizerischen Bankgesellschaft abverdient, zuletzt als persönliche Assistenten des SBG-Chefs Robert Holzach, bevor sie Anfang der Neunziger Jahre das eher verstaubte Geldhaus in der Provinz übernahmen. Die St. Galler Wegelin & Co. zählt zu den 14 verbliebenen Schweizer Privatbanken, bei denen die Partner mit ihrem gesamten Privatvermögen haften.

Es liegt auf der Hand, dass ein solches Unternehmen einer nachhaltigeren Geschäftspolitik verpflichtet ist als jene Banken, die den Launen bonusgesteuerter Manager ausgeliefert sind. So gesehen, zementieren Hummlers multimediale Vertrauensvoten das Image von Wegelin: Vermögensverwaltung nach alter Schule, sehr persönlich, in getäfertem Ambiente, das Geld sicher im Tresor, dazu ein Bekenntnis zur Schweiz. Doch wie sehr fließen die althergebrachten Werte tatsächlich in die Geschäftsphilosophie der Bank Wegelin ein? 

Wegelin vollzog im letzten Jahrzehnt einen Paradigmenwechsel: Die kleine, aber feine Privatbank begann eine beispiellose Offensive. In immer rascherer Folge eröffnete sie neue Filialen, in Basel, Schaffhausen, Luzern, Chur, um nur einige zu nennen. Weitere Standorte sind geplant. Insider wollen wissen, dass man Aarau im Visier habe. Andere fragen sich aber zunehmend, ob der Schweizer Markt wirklich noch so viel Potenzial biete. Auch in Lausanne und Genf hat Wegelin mittlerweile Fuß gefasst. Die Invasion der Ostschweizer ins Biotop der Calvinstadt sorgte bei den banquiers privés durchaus für Gesprächsstoff, berichtet Urs Schneider, Finanzprofessor an der International University in Geneva.