Wenn sie nicht kocht, dann backt sie. Lydia Silda Cadin knetet den Teig, dass die Küche bebt, genug für ein Dutzend Brote. Sie zerbricht Holzscheite über dem Knie und heizt den Herd ein, bis die Flammen knistern. Sie schiebt das Blech ins Backfach, setzt sich auf ihren Stuhl am Fenster und streicht den Rock über den Knien glatt. Nur kurz bleibt sie sitzen, steht schon wieder, schlurft in Frottee-Pantoffeln durch die Küche, fegt, spült, schrubbt den Herd. Sie zieht sich Stiefel über und erntet Kartoffeln auf dem Acker, bis sie spätabends die Schürze abstreift, in den Ledersessel fällt, die Beine hochlegt und über Meniskus-Schmerzen klagt. Der Sommer war anstrengend.

Señora Silda kocht für jeden Gast, der zu ihr kommt. Und es kommen immer mehr. Der Milliardär Sebastián Piñera Echenique, Chiles neuer Präsident, hat 2005 den Wald um die Fischersiedlung Caleta Inio gekauft, das Naturschutzgebiet Parque Tantauco geschaffen und es in den letzten zwei Jahren für den Tourismus geöffnet. 1180 Quadratkilometer immergrüner Regenwald im Südwesten der Insel Chiloé, erschlossen durch 150 Kilometer Wanderwege.

Caleta Inio ist der südliche Eingang zum Parque Tantauco. Mehrere Bootsstunden dauert die Überfahrt von Quellón aus, dem südlichsten Hafen der Insel; eine Straße verläuft hier nicht. Unterwegs weht einem bereits der frische Wind Patagoniens um die Nase – 1200 Kilometer südlich der Landeshauptstadt Santiago. Vom Anleger in Inio sind es dann nur noch wenige Schritte bis zu Señora Sildas Küchentisch. Ihr Mann Carlos grüßt freundlich, er hat das mit Blech beschlagene Holzhaus zu einer Pension ausgebaut, in drei Zimmern stehen klapprige Betten. Heute sind Handwerker da, die im Park einen Aussichtsturm für Wanderer planen, sie trinken jote, Rotwein mit Cola. Irgendwann stellt Senõra Silda Teller auf den runden Tisch in der Küche. Es gibt loco, das zarte Fleisch dicker Meeresschnecken, dazu Tomatensalat.

Nach dem Abendessen ist es noch hell. Am Sandstrand hat die Ebbe Wellenmuster zurückgelassen, zwei dicke Fischer streichen den Rumpf ihrer Barbara mit gelber Farbe. 40 Fischerfamilien leben in Inio, ihre Häuser haben sie in einer Reihe zwischen Strand und Wald gebaut. Es gibt eine Schule, eine Krankenstation, zwei Kirchen. Und neuerdings ein großes Holzgebäude für die Parkverwaltung, mit einem kleinen Museum und einem Apartment für Piñera im zweiten Stock. Davor ein riesiger Hubschrauberlandeplatz. "Visitas VIP" nennen die Leute in Inio die Besuche aus Santiago, wenn Piñera mit seinem Tross für ein paar Tage zu Besuch kommt. In diesem Sommer ist er nicht gekommen, er hatte wohl zu viel um die Ohren: erst die Wahl im Dezember und die Stichwahl im Januar und dann noch das Erdbeben im Februar, zwei Wochen vor der Amtsübernahme. Von dem haben sie hier zum Glück kaum etwas mitbekommen. Das Meer stieg nur ganz plötzlich bis zu den Holzpfählen, die von der Parkverwaltung als Küstenschutz in den Sand gerammt worden waren.

Gleich dahinter liegt die neue Promenade. Zedernholzplanken führen vom Verwaltungsgebäude zum Garten, wo einheimische Arten zur Aufforstung heranwachsen. Und weiter zum Campingplatz, wo Zelte auf Kiesinseln stehen. Es gibt Picknicktische mit Meerblick, ein großzügiges Kochhaus und ein Toilettenhaus mit warmen Duschen. Piñera, dessen Vermögen auf 2,2 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, hat seine Stiftung Futuro beauftragt, das Tantauco-Projekt voranzubringen. Jährlich stehen zwei Millionen Dollar dafür bereit, 25 Angestellte kümmern sich um den Park und die Touristen.

Am nächsten Vormittag laufen wir kilometerweit im Schatten von Mammutblättern, die aussehen wie riesige Rhabarberpflanzen. Fernando Álvarez schneidet einen der dicken Stängel ab, das Mark schmeckt wie Gurke, nur sauer. Fernando ist Wanderführer, 19 Jahre alt, ist aufgewachsen in Inio und wurde von der Parkverwaltung ausgebildet. Er spricht die bildliche Sprache des ländlichen Chiles. Eine Sprache, in der Moos zum Bart der Bäume wird und dickgliedriger Farn zu Kuhrippen. Eine Sprache auch, in der Vögelchen zwitschern und man Wässerchen trinkt, in der man beiseitchen rückt und bald weiterchen geht. Eine gute halbe Stunde lang folgen wir einem Weg, der zu breit ist für einen Wanderpfad. Den habe der Gringo angelegt, sagt Fernando. Der Gringo, das ist Jeremiah Henderson, ein nordamerikanischer Unternehmer, der die Hölzer des Waldes ausbeuten wollte, dafür aber keine Genehmigung bekam. Von ihm kaufte Piñera das Land für sechs Millionen Dollar. Er machte daraus sein privates Naturschutzgebiet und ein grünes Vorzeigeprojekt für den Wahlkampf.