Drei Menschen teilen sich einen Raum, der nicht größer ist als eine Besenkammer. Ein winziges Fenster, neben der Kochecke ein Klotopf ohne Deckel, nur durch eine Sichtblende abgetrennt, ohne Luftabzug. Im Sommer herrscht hier brütende Hitze, im Winter Eiseskälte. Das Gefängnis im nordfranzösischen Rouen, in dem diese Zelle liegt, heißt Bonne Nouvelle, Frohe Botschaft. Ein Gruß aus dem Land der Menschenrechte, der französischen Republik.

Und doch gibt es sie, die frohe Botschaft: Zwei Insassen im Gefängnis von Rouen haben vor Gericht wegen Verletzung ihrer Menschenwürde auf Schadensersatz geklagt und 3000 Euro zugesprochen bekommen. Die schlechte Botschaft: Das französische Justizministerium legte nach dem Urteil Berufung ein. Danach erneut eine frohe Botschaft: Die Kläger gewannen auch in der Berufungsinstanz. Nun wieder eine schlechte Botschaft: Die Verhältnisse in Rouen sind nicht anders als in vielen französischen Gefängnissen. Unerhörte Geschichten erzählen diese Anstalten, Geschichten, die von Unterdrückung handeln, von unsichtbaren Schicksalen und unerwünschten Wahrheiten. Finstere Geschichten aus dem Reich des Nicolas Sarkozy erzählen diese Knäste.

In Caen beginnt eine dieser Geschichten und in Argentan eine andere, beides Strafanstalten in der Normandie, in denen der ehemalige Reiseleiter Karl F. gelebt hat, sieben Jahre lang. Der Deutsche ist jetzt Mitte fünfzig, seit Kurzem ist er frei. Er hat ein Foto einer Frau aus Paris in seiner Jackentasche, ein Foto, mit dem seine Geschichte beginnt. Eine Liebesgeschichte, eine Geschichte vom Verhängnis. Zwei Männer und die schöne Gastwirtin. Alles endete im Suff und damit, dass Karl dem François das Schlachtermesser durch den Hals stieß. Das war 2002. Karl rief selbst die Polizei und bestritt auch vor Gericht die Tat nicht. Wohl aber die Tötungsabsicht, was ihm vorab zweieinhalb Jahre Untersuchungshaft im Knast von Caen eintrug.

Dort hocken U-Häftlinge und Verurteilte gemeinsam in den engen Zellen, zu zweit, zu dritt. "Die einen essen, die anderen koten, so ist das. Viele haben Verstopfung, weil sie sich schämen. Andere haben Durchfall wegen der Sauferei. Alkohol ist ja kein Problem: Brot, Früchte gären lassen und dann destillieren." So schildert es Karl F. Manche gehen aus Angst vor Ansteckung nicht in die Duschräume. Andere gehen gern dorthin; immer warten da ein paar Männer, die sich für einen Joint oder einen Geldschein als Sexpartner verkaufen.

Selbst im Gefängnis hat der Mensch noch Entscheidungen zu treffen: Sex, Drogen, Leben oder Tod. Karl erzählt, wie einer seiner Mithäftlinge tot aufgefunden wurde; der Körper in Salzwasser getränkt, Stanniolpapier an den Hand- und Fußgelenken, Drahtverbindungen zum Glühlampenstecker. Nach seiner Verurteilung wurde Karl in das Strafzentrum von Argentan verlegt. Dort führte er sich gut, auch weil er um jeden Preis vermeiden wollte, in eine der Arrestzellen gesperrt zu werden. Er sagt: "Alles Beton, die Pritsche, der Tisch, der Schemel, alles. Da wirst du verrückt."

Das französische Gefängnis ist ein Ort, an dem man besser keine Phobien haben sollte. Ratten laufen über die Flure. "Und wenn Leute aus dem Knast in Angers zu uns verlegt wurden", sagt Karl, "haben wir immer ihre Kleidung eingesprüht, denn die war voller Kakerlaken."

Das französische Gefängnis ist auch ein Ort, an dem Reporter nichts verloren haben. Wer als Journalist ein Gefängnis besuchen will und einen Antrag beim Justizministerium stellt, bekommt zunächst keine Antwort. Hat er Glück, darf er einen Knast besuchen, den das Ministerium ausgesucht hat. Dort dann aber auf keinen Fall Interviews ohne vorher eingereichte und genehmigte Fragen und kein freier Blick in die Zellen. Keine unzensierten Fotos. Parlamentarier wiederum hätten zwar das Recht, sich zu informieren – aber kaum einer nutzt die Gelegenheit, denn so gewinnt man keine Wähler. Allein der staatliche Kontrolleur der Gefängnisse sieht mehr. Aber längst nicht alles.

Deswegen braucht man Leute wie Karl F., um sich ein Bild zu machen – und Leute wie Céline Verzeletti, Beamtin im Frauenknast von Versailles und Vorsitzende einer Gewerkschaft, die sich für Gefängnisbeamte einsetzt. Sie sagt: "Das ist alles nicht mehr normal. In den Zellen Mülleimer ohne Deckel, an allen Wänden Pilze."

Frankreichs Gefängnisse seien "die Schande der Republik". Das sind die Worte des Staatspräsidenten Sarkozy. Das klingt, als habe er mit den Verhältnissen in den Knästen nichts zu tun. Auf unheimliche Weise haben sich die Zustände in den unzugänglichen Festungen eines Landes verfinstert, das sich als Hüter der europäischen Zivilisation versteht. Hätte die Europäische Union nicht Rumänien aufgenommen, dann wäre jetzt Frankreich der EU-Staat, der seine Gefangenen am schlechtesten behandelt. Das ist keine Vermutung, sondern es ergibt sich aus den Ermittlungen des Europarats.

In dieser Woche hat das Antifolterkomitee der Vereinten Nationen damit begonnen, die Verhältnisse in den Gefängnissen in acht Ländern zu bewerten, darunter Frankreich. Das Pariser Nachrichtenblatt L’Express schreibt von einem "hohen Risiko", dass das Komitee ein Verdikt gegen Frankreich ausspricht. 

In französischen Gefängniszellen bringt sich jeden dritten Tag jemand um. Eine Quote, die zehnmal so hoch ist wie im französischen Landesdurchschnitt. Einwenden könnte man, dass die Gefangenen fast alle männlich und oft seelisch instabil sind – weshalb eine außergewöhnliche Quote zu erwarten ist. Aber warum ist sie dann fast doppelt so hoch wie diejenige in Deutschlands Gefängnissen? Schlimmer noch: Meist bringen sich Untersuchungshäftlinge um, die insgesamt bloß ein Viertel aller Gefangenen ausmachen. Und da ihr Anteil sinkt, die Selbstmordrate aber steigt, müssten Politiker eigentlich den Alarmknopf drücken: In Frankreich ist ein humanitärer Notstand ausgebrochen.

 

"Ich spreche mit Gefangenen, die jeden Tag an Selbstmord denken", sagt Jean-Marie Delarue, der vom Staat eingesetzte "Kontrolleur der freiheitsentziehenden Einrichtungen". Die Ursachen für die Katastrophe? "Die hat viele Gründe, sicher auch die Monotonie, die Langeweile, die Hässlichkeit, der Schmutz, die Schuld, die Angst – und kaum ein richtiges Mittel, sich auszudrücken", sagt er. "Ich sehe doch die Papierfetzen, auf denen sie mir schreiben. Es ist jämmerlich, in welcher Zeit leben wir eigentlich? Für manche ist der Selbstmord der einzig verbliebene Weg, sich der Welt mitzuteilen." Oder vor den Mitgefangenen zu fliehen. Das Gefängnis ist ein Ort der Gewalt, alles ist durchdrungen von ihr: die toten Winkel der Gefängnishöfe, die Gemeinschaftsduschen, die Zellen. Gefängnisärzte berichten von auffällig vielen Patienten, die sich "den Kopf gestoßen" haben. Oder mit unklaren Verletzungen am Anus zu ihnen kommen. 

An einem frühen Nachmittag Mitte Februar 2010 werden zwei Insassen auf dem Hof des Gefängnisses Fleury-Mérogis nahe Paris von einer Gruppe Mitgefangener umringt. Der eine schlägt auf den anderen ein, zieht ihm die Hose herunter, greift ihm an die Genitalien und reißt sie beinahe ab. Dem Opfer gelingt es zu entkommen – niemand weiß genau, wie. Die Wärter jedenfalls wissen es nicht, denn sie bekamen erst später mit, dass etwas vorgefallen war. Das sind die Fälle, die sich sofort herumsprechen und jedem Gefangenen sagen: Du bist ausgeliefert. Und diese Angst kann tödlich sein.

Gefängnispsychologen sind sich darin einig, dass vor allem die Betreuung der Neuankömmlinge, ihr Kontakt mit der Außenwelt und der Zustand der Zellen dazu beitragen können, die Selbstmordrate zu verringern. Im Auftrag der Regierung sind unzählige Berichte darüber verfasst worden, aber nichts ändert sich. Der Psychiater Louis Albrand, der im Frühjahr 2009 eine Studie über Gefängnisinsassen geschrieben hatte, wunderte sich, als er die letzte Fassung seines Reports las, die das Justizministerium unter Michèle Alliot-Marie im Herbst herausgab: Plötzlich waren "kits de protection" die Lösung, Bettzeug und Schlafanzüge, aus denen sich kein Strick drehen lässt. Um die Ursachen der Selbstmordfälle scherte sich das Ministerium wenig.

"Die Tür steht offen", schreibt der französische Romancier Pascal Quignard über den Selbstmord. Manche Gefangene ziehen es indessen vor, verschlossene Türen aufzubrechen. Fluchtversuche sind ein dankbares Thema der "Bunten Seiten" in den Zeitungen. Es wäre nicht übertrieben, von einer gewissen Sympathie des Publikums mit den Entsprungenen zu sprechen. Ausbrecherfilme sind jedes Mal Kassenschlager in den Kinos.

Cyril Khider war an einem der spektakulärsten Ausbruchsversuche in Frankreich beteiligt. Seit einigen Wochen wieder in Freiheit, hat der jugendlich wirkende Mann in einem Café vor dem Pariser Justizpalast Platz genommen und spricht. Wie er seine Geschichte erzählt, klingt sie beinahe lustig. Dass seine überlegene, ironische Art den einen oder anderen Gefängnisbeamten schon zur Weißglut gebracht hat, nimmt man ihm sofort ab.

Dann und wann aber macht Cyril unvermittelt eine Pause, ist mit einem Mal woanders. Wo nur? Bei seiner Frau und der Tochter in Rabastens, jenem Dorf in Südwestfrankreich? Oder in einem der 14 Gefängnisse, in denen er seit seiner Verhaftung im Sommer 2001 gesessen hat? Oder bei seinem älteren Bruder Christophe, der seit 1997 wegen Raubes, Geiselnahme und Totschlags einsitzt? Oder in dem Hubschrauber, mit dem Cyril diesen Bruder vor acht Jahren befreien wollte? Cyril hatte die Maschine entführt und die Pilotin gezwungen, nach Fresnes zu fliegen, zu dem archaischen Gefängniskomplex bei Paris. Dicke, graubraune Mauern. Der Hubschrauber schwebt über dem Hof, es kommt zu einem Schusswechsel mit der Wache. Unten wartet Christophe, Cyril lässt die Strickleiter herunter, aber sie ist zu kurz. Cyril wirft Säcke mit Waffen und Sprengstoff ab und verschwindet. Der Bruder Christophe versucht jetzt, seine Freilassung per Geiselnahme zu erpressen, aber er scheitert. Wird erneut bestraft, bricht später doch aus, wird wieder gefasst, gibt nicht auf und summiert Strafe auf Strafe. Bis zum Jahr 2038 muss er jetzt noch sitzen.

Kurz nach seiner Aktion wird auch Cyril Khider geschnappt. Was nun beginnt, liest sich in einem Beschluss des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes im Juli 2009 dann so: Er sei derart "unmenschlich" behandelt worden, dass gegen Artikel 3, das Folterverbot, verstoßen worden sei. Grund waren die vielen, meist plötzlichen und ungerechtfertigten Verlegungen, die Cyril den Sinn für Zeit und Ort rauben sollten. Und die insgesamt vier Jahre, die er in mitards, den berüchtigten Arrestzellen, zugebracht hat. Und die "analen Inspektionen". Ein vornehmer Ausdruck für das, was Cyril vor Gericht so schilderte: Er betritt einen Raum, in dem zehn Beamte auf ihn warten. Sie werfen sich auf ihn, ziehen ihn aus, drehen ihn auf den Bauch, reißen erst seine Beine und dann die Hinterbacken auseinander. Und das bis zu dreimal in der Woche – "exzessiv", wie das Gericht festhielt. Diese Entwürdigung "war das Schlimmste von allem", sagt Cyril. Wieder hat er diesen abwesenden Blick.

Wer die Beamten stets brav grüßt, bei dem drücken sie ein Auge zu

Seine Beschwerden gegen die Verlegungen und Durchsuchungen wurden von französischen Behörden und Gerichten pauschal abgewiesen. Das Urteil des europäischen Gerichts rügte dies als Verstoß gegen den Artikel 13 der Menschenrechtskonvention, die Rechtsweggarantie.

Im Gefängnis erlebte Cyril Khider genau das, wovon er seinen Bruder befreien wollte: die vollständige Abhängigkeit von der Gunst anderer. Im Land der Égalité sind keineswegs alle Bürger vor dem Staate gleich, zumindest dann nicht, wenn sie als Gefangene auftreten. Seit einigen Wochen ist dieser Missstand sogar amtlich: Der jüngste Bericht des Gefängniskontrolleurs bestätigt, dass Vergünstigungen und Schikanen im Knast willkürlich verteilt werden. 

Wer die Beamten stets brav grüßt und sich unterwürfig zeigt, bei dem drücken sie schon mal ein Auge zu. Sie lassen ihn auch dann noch in Frieden, wenn er den Spion in der Zellentür mit Papier verstopft oder sich eine unerlaubte Kochstelle aus Coladosen und ölgetränkter Watte bastelt. Oder wider alle Vorschrift Schmuck trägt. Ausgehandelt werden auch Duschzeiten. Ebenso improvisierte Sichtblenden im Begegnungszimmer, also Sex. Das französische Publikum staunte, als ihm der preisgekrönte Kinofilm Ein Prophet, der kürzlich auch in Deutschland lief, Sexszenen aus dem Knast vorführte – realistische, wie Gefängnisbeamte gegenüber Journalisten bestätigten.

Augenfällig wurde, welche Bevölkerungsgruppen die Gefängnisse füllen. Man bekommt davon auch einen Eindruck, wenn man sich an den Eingang einer Haftanstalt stellt, zum Beispiel in Fresnes, dem Schauplatz des Hubschraubereinsatzes von Cyril Khider. Familien, die aus Nordafrika stammen, stehen dort Schlange, um einen Besuchstermin zu ergattern. Im Inneren des 112 Jahre alten Knastes sind ebenfalls überwiegend Schwarze und Maghrebiner zu sehen. "Sichtbare Minderheit" nennt man sie. Im Gefängnis sind die weißen Sozialarbeiter die sichtbare Minderheit. 

 

Das französische Gefängnis ist "ein Anhängsel der Cité", schreibt Léonore Le Caisne, eine Fortsetzung der städtischen Ghettos, die für Frankreich typisch sind. Die Soziologin hat ein Jahr lang in der Jugendabteilung des Gefängnisses Fleury-Mérogis Interviews geführt. Die Halbwüchsigen sitzen dort beispielsweise ein, weil sie Handys gestohlen, Autos angezündet, mit Haschisch gehandelt haben – oft war Gewalt im Spiel. Nun sind sie in einer Art Jugendaufbewahrungszentrum; von Ausbildung keine Spur. Hier treffen sich ehemalige Nachbarn aus den Banlieues wieder, den heruntergekommen Vorstädten. Als Häftlinge begegnen sie sich, als Aufseher, und sogar die ethnischen Hierarchien sind dieselben wie draußen im Ghetto. "Die Schwarzen" und "die Araber" machen gemeinsam Front gegen "die Chinesen" und "die Zigeuner", besonders aber gegen "die Franzosen", von denen es heißt: "Was wollen die überhaupt hier? Die müssen nicht klauen, die haben es nicht nötig!"

Jean-Marc Dupeux, der Chef der protestantischen Gefängnisseelsorger, begegnet dieser Unterschicht täglich, in jenem uralten, verkommenen Pariser Gefängnis, das Santé heißt, Gesundheit. Wie eine graubraune Riesenkrake lauert es am südlichen Rand der Stadt. "Viele leben hier vom illegalen Kleinhandel", sagt er. "Sie verkaufen marokkanische Marlboros, illegal produzierte Autoteile oder kopierte DVDs. Die Ware gelangt per Container ins Land und wird dann in den Cités aufgeteilt. Das ist eine eigene Ökonomie, und das Gefängnis ist für deren Teilnehmer nur eine Phase. Drinnen geht der Handel weiter. Auch mit Cannabis."

Für die armseligsten unter den Straftätern gibt es ein eigenes Gerichtsverfahren, die comparution immédiate – ein Schlüssel zum Verständnis des französischen Strafsystems, entstanden während der Urbanisierung im 19. Jahrhundert, einer Zeit, als Kleinkriminalität gang und gäbe war in den unteren sozialen Klassen. Man könnte es ein radikal beschleunigtes Verfahren nennen: Die Verhandlung dauert selten länger als 25 Minuten. Beschleunigte Verfahren gibt es auch in Deutschland, allerdings laufen sie nicht in einem derartigen Tempo ab wie in Frankreich.

Die Grundidee ist vernünftig. Wenn die Tatsachenfeststellung keine Probleme macht, ist es für den Täter oft günstiger, ein schnelles Urteil zu erhalten, als monatelang in Untersuchungshaft zu schmoren. Abstrakt gesehen, ist die "compa", wie Justizbeamte das Verfahren zärtlich nennen, also eine gute Sache. Und konkret?

Die Angeklagten, die in kleinen Gruppen in den Saal 23 des Pariser Justizpalastes geführt werden, damit ihre Fälle nacheinander abgehandelt werden, haben eine oder zwei Nächte seit ihrer Tat auf einem der berüchtigten Polizeireviere von Paris oder in den wüsten Zellen im Keller des Justizgebäudes verbracht. Stehen noch unter Schock, haben meist nichts gegessen und es auch nicht über sich gebracht, die Toiletten zu benutzen. Sind ungewaschen, unrasiert, verfroren oder verschwitzt, auf Nikotin, Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenentzug. Sie halten ihre Hose mit den gefesselten Händen fest, der Gürtel ist weg, wegen der Suizidgefahr. Diese Menschen sehen ganz anders aus als die guten Leute, die den Richtern und Staatsanwälten auf dem Boulevard vor dem Justizpalast begegnen. Es ist schwer, in diesen Gestalten voll berechtigte Bürger zu erkennen. Sie sind auch nicht wie Bürger behandelt worden nach ihrer Festnahme. Ihren Anwalt sehen sie erst wenige Stunden vor der Verhandlung. Für ein paar Minuten. Zu den Polizeiverhören hatte er keinen Zutritt.

Die Angeklagten sitzen in einer Art Holzkasten, hinter jedem ein Wachmann. Sie haben mit Haschisch gedealt. Oder Polizisten mit Bier bespritzt, sich gegen die Festnahme gewehrt und an die Gefängniswand "Ficken" gekritzelt. Andere haben ihre Frau geschlagen, nein, man muss schon zugeben: Sehr viele stehen hier, weil sie ihre Frau geschlagen haben.

Und nun sollen sie darüber sprechen. Sind aber kaum zu verstehen, weil das Mikrofon kaputt ist. "Wir müssen wohl mal den Elektriker holen", meint der Richter. Eine Woche später sagt die Richterin dasselbe. Einen Monat später ist das Mikrofon für die Angeklagten immer noch tot. "Sprechen Sie einfach laut und deutlich", herrscht die Richterin Amir an, einen eingeschüchterten jungen Burschen, "zeigen Sie wenigstens ein Mal ein wenig Energie in Ihrem Leben!" Amir ist illegal aus Nordafrika eingewandert. Er hat in Paris zwei Gramm Marihuana verkauft.

Jetzt spricht die Staatsanwältin, Amir schaut nach oben, denn die Vertreterin der Anklage thront auf einem Podest, das sie über alle erhebt, auch über die Richter. Sie spricht spöttisch nach, was der Angeklagte zu seiner Entschuldigung vorgebracht hatte ("nur ein bisschen Shit"). Keiner lacht. Sie zischt "entfernen", "ausmerzen", "eliminieren". Sie meint Amir, den Rückfalltäter. Danach ist seine Anwältin an der Reihe. Sie hatte nur eine Stunde Zeit, seine Akte durchzublättern, nach seiner Familie und seiner Arbeitsstätte zu fahnden und sich ein Argument zu seiner Verteidigung einfallen zu lassen. Die Plädoyers dauern fünf bis sieben Minuten. Nächster Fall. Noch einer, dann schnell noch einer. Das Gericht zieht sich zurück, fällt fünf Urteile, nach einer Stunde werden sie verkündet. Amir muss für acht Monate ins Gefängnis. 

In den überfüllten Zellen werden Matratzen auf die Fußböden gelegt

Zu den Werkzeugen der "compa" gehört eine standardisierte Liste mit dem Namen "Natinf", die das Strafgesetzbuch konkretisiert und der Verständigung zwischen Polizei und Staatsanwalt dient. Jeder Natinf-Ziffer entspricht ein Tathergang mit seinen verfahrensrechtlichen Folgen. Die "compa" bietet ohnehin kaum Zeit dafür, die Persönlichkeit des Täters und die Umstände der Tat zu ergründen, da ist so eine Liste hilfreich bei der Massenproduktion von Gerichtsurteilen.

Tempo, Tempo! Während der Kurzverhandlung mahnen die Richter immer wieder Angeklagte und Anwälte zur Eile, etwa 20 Fälle sollen an einem einzigen Verhandlungstag erledigt werden. In ihrer Forschungsarbeit zur comparution immédiate spricht die Rechtssoziologin Angèle Christin von einer "repressiven Automatisierung des Rechts". Einem Bericht des französischen Senats zufolge, der zweiten Parlamentskammer, ist mehr als die Hälfte aller Haftstrafen das Ergebnis einer "compa", fast 50.000 pro Jahr. Und das ist nur der landesweite Durchschnitt. In den größeren Städten spielt das Schnellverfahren eine viel wichtigere Rolle.

Die meisten Verurteilten, die auf diesem Fließband landen, enden im "Arresthaus". Im Prinzip gibt es in Frankreich zwei Typen von Gefängnissen: zum einen die 113 Arresthäuser, vorgesehen für die Untersuchungshaft und die Verbüßung von Freiheitsstrafen unterhalb eines Jahres. Zum anderen die 60 "Strafzentren" – und einige Spezialeinrichtungen – für die harten Fälle. Arresthäuser sind vollgepferchte Massenunterkünfte, Strafzentren stark gesicherte Gefängnisse mit Einzelunterbringung. In all diesen Knästen sitzen heute insgesamt 61343 Menschen ein, Plätze gibt es nur für 53.000 Insassen. Die Zahlen sagen aber erst etwas aus, wenn man die Arresthäuser gesondert betrachtet: Nur sie sind überbelegt, zu 125 Prozent – im Schnitt. Zwölf dieser Gefängnisse sind sogar zu mehr als 200 Prozent überbelegt. Das Arresthaus in Le Mans: 208 Prozent, in Orléans: 216, in Béziers: 221, in Fontenay-le-Comte: 231, in La Roche-sur-Yon: 260 Prozent, wie auch in Béthune.

 

Den Alltag in einem überbelegten Gefängnis beschreibt Céline Verzeletti, die Gewerkschafterin aus dem Frauengefängnis, so: "Sie gehen morgens in jede Zelle, um nachzusehen, bringen das Frühstück, begleiten die Gefangenen zur Dusche, ins Gesprächszimmer, auf den Hof, zum Sport, zum Arzt. Das ist alles genau definiert, aber was machen Sie, wenn es einfach zu viele sind? Dann müssen Sie mit einem Minimum an Wörtern auskommen. Befehle eben." Gestresste, schlecht ausgebildete Beamte, ewiges Gebrüll. In den überfüllten Zellen, die nicht genügend Betten haben, werden Matratzen auf die Fußböden gelegt.

Man kann nicht behaupten, dass Frankreich besonders strafwütig wäre. Mit weniger als 100 Gefangenen pro 100.000 Einwohner liegt das Land immer noch unter dem europäischen Durchschnitt von 137, auch unter dem deutschen, obwohl die französische Quote in den vergangenen 20 Jahren gewachsen ist.

Von 2002 an, so stellte es der Menschenrechtskommissar des Europarates fest, steigt die Zahl der Kurzstrafen rasant, denn seither hagelt es Gesetzesverschärfungen gegen die Kleinkriminellen, und die Arresthäuser brechen unter der unerwarteten Last zusammen. Schneller wächst freilich der Anteil der Verurteilten, denn das Schnellverfahren hat die Zahl der Untersuchungshäftlinge drastisch gesenkt.

Seit 2002? Damals wurde Nicolas Sarkozy Innenminister.

Die Tendenz beschleunigt sich seit dem Sommer 2007, seit dem "Dati-Gesetz", eingebracht von der damaligen Justizministerin Rachida Dati. Das Dati-Gesetz sieht – gerade wenn die Täter minderjährig sind – steigende Gefängnisstrafen für Rückfalltäter vor und beschneidet die Möglichkeiten der Gerichte, auf Bewährungsstrafe, Geldstrafe oder erzieherische Maßnahmen auszuweichen.

Seit Sommer 2007? Damals wurde Nicolas Sarkozy Präsident der Republik.

Ihm war der Aufstieg zum Präsidenten auch deshalb gelungen, weil er der rechtsextremistischen Front National die Wählerstimmen abjagen konnte. Indem er schärfere Strafen für Rückfalltäter und Kleinkriminelle forderte. Sein Versprechen löste er unmittelbar nach der Wahl ein. Keine Reform der Verhältnisse in den Strafanstalten. "Stattdessen sollten wir lieber an die Opfer denken", so formulierten es Angehörige der Regierungsmehrheit im Rechtsausschuss der Assemblée nationale, dem Parlament. Als mache das Leid der Bestraften das Leid der Opfer ungeschehen. 

Als wenn jemand wie Benoît kein Opfer wäre. Der rundliche Endvierziger ist ein Kleptomane. Er weint leise, als er vor seiner Richterin im Pariser Justizpalast steht. Seine Schwester Clara verbeißt sich die Tränen. Benoît wohnt bei ihr, und sie fleht darum, ihn nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen. "Er bringt sich noch um", sagt sie und knetet die Hände.

Fast die Hälfte der Insassen leidet an einer schweren Depression

"Wir kennen uns", sagt die Richterin und hält seine Akte hoch: 39-mal verurteilt, 17 Jahre hinter Gittern. Als Jugendlicher hatte Benoît mit dem Stehlen angefangen, dann damit aufgehört. Nach seiner Scheidung vor fünf Jahren ging es wieder los. In Wohnwagen brach er ein, in Fotogeschäfte und einmal in einen Computerladen. Er wurde erwischt, weil er schlafend in der Telefonzelle vor dem Geschäft lag, den gestohlenen Rechner im Arm. Dicker noch als seine Strafakte ist die Sammlung der psychiatrischen Gutachten. Diagnosen, Diagnosen, aber keine Therapie. Stattdessen wieder Einsperren: zwei Jahre, die Hälfte der Zeit im geschlossenen Vollzug, wegen einer gestohlenen Kamera.

Fast ein Viertel der Gefangenen in Frankreich ist psychotisch. Sind sie deshalb straffällig geworden, oder haben sie die Verhältnisse im Knast seelisch nicht verkraftet? Immerhin 16 Prozent waren vor ihrer Haft schon einmal in einer Anstalt für psychisch Kranke, aber letztlich kommt es nicht darauf an, denn in einem humanen Staat gilt: Wer krank ist, muss versorgt werden, auch wenn er im Gefängnis sitzt. Gut sieben Prozent der französischen Sträflinge sind schizophren; über 40 Prozent leiden an einer schweren Depression; 60 Prozent erhalten psychotrope Medikamente. Das sind nur mehr oder weniger gute Schätzungen. Die Vernachlässigung der geisteskranken Gefangenen beginnt in der Statistik, aber auf der Grundlage dieser Zahlen kommt man selbst bei vorsichtiger Schätzung auf mindestens zehntausend Menschen, die im Gefängnis nichts zu suchen haben, sondern in die Psychiatrie gehören. Wie Benoît, dem die Staatsanwältin vorwarf, er habe im Gefängnis schon "genügend Zeit zum Nachdenken" gehabt.

Worüber sie wohl gerade nachdenken, die anderen seelisch Kranken in den Haftanstalten? Sie, die ihre Mitgefangenen und die Beamten anspucken, die absichtlich ihr Essen verschütten, nicht zur Toilette gehen? Die in den monströsen Gefängnissen, in denen alles widerhallt wie in Badeanstalten, schreiend die Nächte verbringen? Am schlimmsten ist es in der zweiten Hälfte eines jeden Monats, dann, wenn viele der Patienten ihre vierwöchentliche Ration Psychomedikamente aufgebraucht haben. Wenn sie rasen statt zu dösen. Wenn sie vor Schmerz und Verzweiflung brüllen und mit allem schlagen, rasseln, klappern, was sie ergreifen können. So lange, bis sich mehrere Beamte gleichzeitig auf sie stürzen, um sie in eine Isolier- oder Arrestzelle zu sperren, statt sie ins Krankenhaus zu bringen.

 

Oft schon wurde Frankreich vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gerügt, Parlamentsberichte und Untersuchungen unabhängiger Gremien prangerten die Zustände in den Gefängnissen an. Doch unter keiner Regierung, ob rechts oder links, hat sich etwas gebessert. Zehn Jahre lang stritten die Franzosen darüber, ob es nicht endlich an der Zeit wäre, dass auch sie ein Strafvollzugsgesetz bekämen. Und seit dem vergangenen Herbst ist dieses Gesetz da.

Es setzt die zulässige Dauer des Disziplinarrests von 45 auf 20 Tage herab, im Fall von Gewalttaten auf 30 Tage. Ein kleiner Fortschritt, könnte man meinen, auch wenn Frankreich damit immer noch repressiver ist als die meisten anderen europäischen Länder. Doch fehlt es an Vorschriften über die wiederholte Verhängung des Arrests, und alle Einzelregeln zugunsten des Häftlings sind auf eine Verordnung verschoben. Und weil in Frankreich zwischen Gesetzeserlass und Verordnung Jahre vergehen können, kann sich ein Fall Cyril Khider jederzeit wiederholen. Zumal das neue Gesetz eine unbestimmte Generalklausel enthält, die es den Chefs der Gefängnisse erlaubt, "aus Sicherheitsgründen" Isolationshaft zu verhängen.

"Wir müssen darauf achten, dass uns die Wähler nicht Weichheit gegen die Täter vorwerfen." So drückte es Éric Ciotti aus, ein Abgeordneter der Sarkozy-Partei. Weich wurden daraufhin die Bestimmungen über die Rechte der Gefangenen. Im Allgemeinen Teil des Gesetzes heißt es sogar, die "Würde und das Recht" eines jeden sollten garantiert werden – in den Grenzen der "inhärenten Zwänge der Haft, der Sicherheit und Ordnung" sowie einiger anderer: Die Menschenwürde hat also Grenzen. Es ist der Versuch, an den Säulen der Republik zu rütteln. Darin sind Sarkozy und seine Leute geübt. Jean-François Copé zum Beispiel, der Chef der rechten Parlamentsmehrheit, erklärte im Boulevardblatt Le Parisien, er wolle der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ausdrücklich die "Sicherheit" hinzufügen.

Der Fluchtpunkt aller Politik in Frankreich ist die Präsidentschaftswahl, denn im Amt des Präsidenten konzentriert sich die Macht wie in keinem anderen westlichen Land. Um seine Wiederwahl im Jahr 2012 zu sichern, setzt Nicolas Sarkozy ein vielstimmiges Orchester ein, und ein Grundton ist die Bekämpfung der Kriminalität mit repressiven Mitteln. Für das Innen- wie für das Justizministerium gilt das Sarkozy-Wort von der "Kultur des Resultats". Das Resultat sind sprechende Zahlen. Mögen sich Menschenrechtler und Intellektuelle wegen der Überbelegung der Gefängnisse aufregen, in Sarkozys rechter Kernwählerschaft sind überfüllte Knäste ein erfreuliches Resultat. Das Resultat des Durchgreifens. Ein Gefängnis muss weh tun, selbst wenn es Jugendliche trifft.

Damit steht die Politik des Präsidenten inzwischen rechts von Frankreichs Strafbehörde, der Administration Pénitentiaire. In ihr gibt es eine Reformbewegung, die den Strafgefangenen als Bürger anerkennt, dem eine Resozialisierung möglich gemacht werden soll. Der Justizstaatssekretär Jean-Marie Bockel, den Sarkozy von der Partei der Sozialisten herüberlocken konnte, steht auf der Seite der Reformer. Er spricht von Planungen, neue, moderne Gefängnisse mit 5000 Zellen zu bauen und dafür alte Kästen abzureißen. In ihnen sei der "Respekt vor der Intimität und der persönlichen Hygiene" gewährleistet. 

Das klingt zwar gut, doch in den ersten Einrichtungen dieser Art sehen Gefängnisbeamte, Gefangene und der Kontrolleur Delarue gar nichts Gutes: Kameras, Wechselsprechanlagen und automatisch schließende Türen treten dort an die Stelle des menschlichen Kontakts. Gewalt und Suizid sind die Folge. In dem vor acht Monaten eröffneten, hochautomatisierten Gefängnis Lyon-Corbas haben bereits drei Insassen versucht, sich umzubringen, zuletzt vor wenigen Wochen. 

Ist es überhaupt möglich, in diesem System etwas zu verändern? Der Gefängnisdirektor Arnaud Moumaneix hat es versucht. Der baumlange Beamte leitet das Arresthaus von Villefranche-sur-Saône in der Nähe von Lyon. "Bei mir schläft niemand auf dem Boden", sagt Moumaneix stolz, obwohl sein für 636 Häftlinge ausgerichtetes Gefängnis bis zu 840 Menschen fassen muss. Einzelzellen für jeden sind dann nicht drin. Wenigstens haben die neun bis zu elf Quadratmeter großen Zellen separat gemauerte Toiletten mit verschließbaren Türen.

Das Arresthaus von Villefranche ist eines von 38 Modellgefängnissen im Land. "Unser Empfangsbereich wird seit 2008 regelmäßig zertifiziert", sagt der Direktor. "Unabhängige Experten prüfen vor allem die Suizidprävention dort, wo die Selbstmordgefahr am größten ist, nämlich in jenen Zellen, in denen der Neuankömmling die ersten Tage verbringt. Das Personal wird so eingeteilt, dass es der Gefangene nicht mit wechselnden Bezugspersonen zu tun hat." Was der Anstaltsleiter da sagt, klingt sehr vernünftig. Und vielleicht darf man als Gefängnisdirektor nicht zu viel Gefühl zeigen. Dann tut er es aber doch, als er erwähnt, dass auch seine Musteranstalt schlechte Zensuren vom Gefängniskontrolleur Delarue bekommen hat. "Das war eine Klatsche."

"Alles ist darauf angelegt, die Gefangenen zu brechen"

Der Prüfer kritisierte nicht bloß einzelne Missstände wie die neuartigen Fenstergitter, die zur Abwehr der Ratten feinmaschig sind, aber zu wenig Licht in die Zellen lassen. Delarue brachte auch ein großes Problem zur Sprache: In Villefranche werden die Gefangenen nach ihrem Wohlverhalten aufgeteilt. Diejenigen, die sich zu einem "Projekt" verpflichtet haben – Ausbildung, Drogenentzug, Arbeitssuche –, ziehen in ein eigenes Gebäude, wo ihr Vorhaben unterstützt wird. Und die anderen? "Sie bleiben ohne Hoffnung auf Hilfe", sagt Delarue. "Wir konzentrieren uns auf diejenigen, die kooperieren", entgegnet der Gefängnisdirektor. Er tut, was er kann, um den Strafvollzug ein bisschen menschlicher zu machen – im Rahmen seiner Möglichkeiten.

"Aber glaubst du denn wirklich, dass es ein humanes Gefängnis geben kann?" Diese Frage stellt Catherine, die Mutter der Ausbrecher-Brüder Khider. Ohne Catherine hätte Cyril Khider nicht die Kraft gefunden, bis vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof zu ziehen. Sie ist die Vorsitzende einer Organisation zur Unterstützung Gefangener (a.r.p.p.i.), präsent in den Medien. Sie trägt eine Goldkette um den Hals, an der ein Hubschrauber baumelt. Catherine war selbst im Gefängnis, und ihre ganze Familiengeschichte schwingt mit, als sie ihre Frage stellt.

Nein, ein humanes Gefängnis gibt es nicht. So wenig wie einen humanen Krieg. Und doch müssen im Krieg nicht alle Register der Vernichtung gezogen werden. Man erkennt den Zivilisationsgrad eines Landes auch daran, wie es seine Kriege führt. Und man erkennt ihn daran, wie es mit seinen Gefangenen umgeht. Véronique Vasseur, die lange als Ärztin im Pariser Gefängnis Santé gearbeitet hat, fasst ihre Eindrücke so zusammen: "Letztlich ist alles darauf angelegt, die Gefangenen zu brechen."

Die Medizinerin ist keine Linke. Sie hat in Paris für die UMP kandidiert, die Partei des Nicolas Sarkozy. 

Alle Namen von Verurteilten, außer denen der Khiders, wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert