"Ich spreche mit Gefangenen, die jeden Tag an Selbstmord denken", sagt Jean-Marie Delarue, der vom Staat eingesetzte "Kontrolleur der freiheitsentziehenden Einrichtungen". Die Ursachen für die Katastrophe? "Die hat viele Gründe, sicher auch die Monotonie, die Langeweile, die Hässlichkeit, der Schmutz, die Schuld, die Angst – und kaum ein richtiges Mittel, sich auszudrücken", sagt er. "Ich sehe doch die Papierfetzen, auf denen sie mir schreiben. Es ist jämmerlich, in welcher Zeit leben wir eigentlich? Für manche ist der Selbstmord der einzig verbliebene Weg, sich der Welt mitzuteilen." Oder vor den Mitgefangenen zu fliehen. Das Gefängnis ist ein Ort der Gewalt, alles ist durchdrungen von ihr: die toten Winkel der Gefängnishöfe, die Gemeinschaftsduschen, die Zellen. Gefängnisärzte berichten von auffällig vielen Patienten, die sich "den Kopf gestoßen" haben. Oder mit unklaren Verletzungen am Anus zu ihnen kommen. 

An einem frühen Nachmittag Mitte Februar 2010 werden zwei Insassen auf dem Hof des Gefängnisses Fleury-Mérogis nahe Paris von einer Gruppe Mitgefangener umringt. Der eine schlägt auf den anderen ein, zieht ihm die Hose herunter, greift ihm an die Genitalien und reißt sie beinahe ab. Dem Opfer gelingt es zu entkommen – niemand weiß genau, wie. Die Wärter jedenfalls wissen es nicht, denn sie bekamen erst später mit, dass etwas vorgefallen war. Das sind die Fälle, die sich sofort herumsprechen und jedem Gefangenen sagen: Du bist ausgeliefert. Und diese Angst kann tödlich sein.

Gefängnispsychologen sind sich darin einig, dass vor allem die Betreuung der Neuankömmlinge, ihr Kontakt mit der Außenwelt und der Zustand der Zellen dazu beitragen können, die Selbstmordrate zu verringern. Im Auftrag der Regierung sind unzählige Berichte darüber verfasst worden, aber nichts ändert sich. Der Psychiater Louis Albrand, der im Frühjahr 2009 eine Studie über Gefängnisinsassen geschrieben hatte, wunderte sich, als er die letzte Fassung seines Reports las, die das Justizministerium unter Michèle Alliot-Marie im Herbst herausgab: Plötzlich waren "kits de protection" die Lösung, Bettzeug und Schlafanzüge, aus denen sich kein Strick drehen lässt. Um die Ursachen der Selbstmordfälle scherte sich das Ministerium wenig.

"Die Tür steht offen", schreibt der französische Romancier Pascal Quignard über den Selbstmord. Manche Gefangene ziehen es indessen vor, verschlossene Türen aufzubrechen. Fluchtversuche sind ein dankbares Thema der "Bunten Seiten" in den Zeitungen. Es wäre nicht übertrieben, von einer gewissen Sympathie des Publikums mit den Entsprungenen zu sprechen. Ausbrecherfilme sind jedes Mal Kassenschlager in den Kinos.

Cyril Khider war an einem der spektakulärsten Ausbruchsversuche in Frankreich beteiligt. Seit einigen Wochen wieder in Freiheit, hat der jugendlich wirkende Mann in einem Café vor dem Pariser Justizpalast Platz genommen und spricht. Wie er seine Geschichte erzählt, klingt sie beinahe lustig. Dass seine überlegene, ironische Art den einen oder anderen Gefängnisbeamten schon zur Weißglut gebracht hat, nimmt man ihm sofort ab.

Dann und wann aber macht Cyril unvermittelt eine Pause, ist mit einem Mal woanders. Wo nur? Bei seiner Frau und der Tochter in Rabastens, jenem Dorf in Südwestfrankreich? Oder in einem der 14 Gefängnisse, in denen er seit seiner Verhaftung im Sommer 2001 gesessen hat? Oder bei seinem älteren Bruder Christophe, der seit 1997 wegen Raubes, Geiselnahme und Totschlags einsitzt? Oder in dem Hubschrauber, mit dem Cyril diesen Bruder vor acht Jahren befreien wollte? Cyril hatte die Maschine entführt und die Pilotin gezwungen, nach Fresnes zu fliegen, zu dem archaischen Gefängniskomplex bei Paris. Dicke, graubraune Mauern. Der Hubschrauber schwebt über dem Hof, es kommt zu einem Schusswechsel mit der Wache. Unten wartet Christophe, Cyril lässt die Strickleiter herunter, aber sie ist zu kurz. Cyril wirft Säcke mit Waffen und Sprengstoff ab und verschwindet. Der Bruder Christophe versucht jetzt, seine Freilassung per Geiselnahme zu erpressen, aber er scheitert. Wird erneut bestraft, bricht später doch aus, wird wieder gefasst, gibt nicht auf und summiert Strafe auf Strafe. Bis zum Jahr 2038 muss er jetzt noch sitzen.

Kurz nach seiner Aktion wird auch Cyril Khider geschnappt. Was nun beginnt, liest sich in einem Beschluss des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes im Juli 2009 dann so: Er sei derart "unmenschlich" behandelt worden, dass gegen Artikel 3, das Folterverbot, verstoßen worden sei. Grund waren die vielen, meist plötzlichen und ungerechtfertigten Verlegungen, die Cyril den Sinn für Zeit und Ort rauben sollten. Und die insgesamt vier Jahre, die er in mitards, den berüchtigten Arrestzellen, zugebracht hat. Und die "analen Inspektionen". Ein vornehmer Ausdruck für das, was Cyril vor Gericht so schilderte: Er betritt einen Raum, in dem zehn Beamte auf ihn warten. Sie werfen sich auf ihn, ziehen ihn aus, drehen ihn auf den Bauch, reißen erst seine Beine und dann die Hinterbacken auseinander. Und das bis zu dreimal in der Woche – "exzessiv", wie das Gericht festhielt. Diese Entwürdigung "war das Schlimmste von allem", sagt Cyril. Wieder hat er diesen abwesenden Blick.

Wer die Beamten stets brav grüßt, bei dem drücken sie ein Auge zu

Seine Beschwerden gegen die Verlegungen und Durchsuchungen wurden von französischen Behörden und Gerichten pauschal abgewiesen. Das Urteil des europäischen Gerichts rügte dies als Verstoß gegen den Artikel 13 der Menschenrechtskonvention, die Rechtsweggarantie.

Im Gefängnis erlebte Cyril Khider genau das, wovon er seinen Bruder befreien wollte: die vollständige Abhängigkeit von der Gunst anderer. Im Land der Égalité sind keineswegs alle Bürger vor dem Staate gleich, zumindest dann nicht, wenn sie als Gefangene auftreten. Seit einigen Wochen ist dieser Missstand sogar amtlich: Der jüngste Bericht des Gefängniskontrolleurs bestätigt, dass Vergünstigungen und Schikanen im Knast willkürlich verteilt werden. 

Wer die Beamten stets brav grüßt und sich unterwürfig zeigt, bei dem drücken sie schon mal ein Auge zu. Sie lassen ihn auch dann noch in Frieden, wenn er den Spion in der Zellentür mit Papier verstopft oder sich eine unerlaubte Kochstelle aus Coladosen und ölgetränkter Watte bastelt. Oder wider alle Vorschrift Schmuck trägt. Ausgehandelt werden auch Duschzeiten. Ebenso improvisierte Sichtblenden im Begegnungszimmer, also Sex. Das französische Publikum staunte, als ihm der preisgekrönte Kinofilm Ein Prophet, der kürzlich auch in Deutschland lief, Sexszenen aus dem Knast vorführte – realistische, wie Gefängnisbeamte gegenüber Journalisten bestätigten.

Augenfällig wurde, welche Bevölkerungsgruppen die Gefängnisse füllen. Man bekommt davon auch einen Eindruck, wenn man sich an den Eingang einer Haftanstalt stellt, zum Beispiel in Fresnes, dem Schauplatz des Hubschraubereinsatzes von Cyril Khider. Familien, die aus Nordafrika stammen, stehen dort Schlange, um einen Besuchstermin zu ergattern. Im Inneren des 112 Jahre alten Knastes sind ebenfalls überwiegend Schwarze und Maghrebiner zu sehen. "Sichtbare Minderheit" nennt man sie. Im Gefängnis sind die weißen Sozialarbeiter die sichtbare Minderheit.