Das französische Gefängnis ist "ein Anhängsel der Cité", schreibt Léonore Le Caisne, eine Fortsetzung der städtischen Ghettos, die für Frankreich typisch sind. Die Soziologin hat ein Jahr lang in der Jugendabteilung des Gefängnisses Fleury-Mérogis Interviews geführt. Die Halbwüchsigen sitzen dort beispielsweise ein, weil sie Handys gestohlen, Autos angezündet, mit Haschisch gehandelt haben – oft war Gewalt im Spiel. Nun sind sie in einer Art Jugendaufbewahrungszentrum; von Ausbildung keine Spur. Hier treffen sich ehemalige Nachbarn aus den Banlieues wieder, den heruntergekommen Vorstädten. Als Häftlinge begegnen sie sich, als Aufseher, und sogar die ethnischen Hierarchien sind dieselben wie draußen im Ghetto. "Die Schwarzen" und "die Araber" machen gemeinsam Front gegen "die Chinesen" und "die Zigeuner", besonders aber gegen "die Franzosen", von denen es heißt: "Was wollen die überhaupt hier? Die müssen nicht klauen, die haben es nicht nötig!"

Jean-Marc Dupeux, der Chef der protestantischen Gefängnisseelsorger, begegnet dieser Unterschicht täglich, in jenem uralten, verkommenen Pariser Gefängnis, das Santé heißt, Gesundheit. Wie eine graubraune Riesenkrake lauert es am südlichen Rand der Stadt. "Viele leben hier vom illegalen Kleinhandel", sagt er. "Sie verkaufen marokkanische Marlboros, illegal produzierte Autoteile oder kopierte DVDs. Die Ware gelangt per Container ins Land und wird dann in den Cités aufgeteilt. Das ist eine eigene Ökonomie, und das Gefängnis ist für deren Teilnehmer nur eine Phase. Drinnen geht der Handel weiter. Auch mit Cannabis."

Für die armseligsten unter den Straftätern gibt es ein eigenes Gerichtsverfahren, die comparution immédiate – ein Schlüssel zum Verständnis des französischen Strafsystems, entstanden während der Urbanisierung im 19. Jahrhundert, einer Zeit, als Kleinkriminalität gang und gäbe war in den unteren sozialen Klassen. Man könnte es ein radikal beschleunigtes Verfahren nennen: Die Verhandlung dauert selten länger als 25 Minuten. Beschleunigte Verfahren gibt es auch in Deutschland, allerdings laufen sie nicht in einem derartigen Tempo ab wie in Frankreich.

Die Grundidee ist vernünftig. Wenn die Tatsachenfeststellung keine Probleme macht, ist es für den Täter oft günstiger, ein schnelles Urteil zu erhalten, als monatelang in Untersuchungshaft zu schmoren. Abstrakt gesehen, ist die "compa", wie Justizbeamte das Verfahren zärtlich nennen, also eine gute Sache. Und konkret?

Die Angeklagten, die in kleinen Gruppen in den Saal 23 des Pariser Justizpalastes geführt werden, damit ihre Fälle nacheinander abgehandelt werden, haben eine oder zwei Nächte seit ihrer Tat auf einem der berüchtigten Polizeireviere von Paris oder in den wüsten Zellen im Keller des Justizgebäudes verbracht. Stehen noch unter Schock, haben meist nichts gegessen und es auch nicht über sich gebracht, die Toiletten zu benutzen. Sind ungewaschen, unrasiert, verfroren oder verschwitzt, auf Nikotin, Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenentzug. Sie halten ihre Hose mit den gefesselten Händen fest, der Gürtel ist weg, wegen der Suizidgefahr. Diese Menschen sehen ganz anders aus als die guten Leute, die den Richtern und Staatsanwälten auf dem Boulevard vor dem Justizpalast begegnen. Es ist schwer, in diesen Gestalten voll berechtigte Bürger zu erkennen. Sie sind auch nicht wie Bürger behandelt worden nach ihrer Festnahme. Ihren Anwalt sehen sie erst wenige Stunden vor der Verhandlung. Für ein paar Minuten. Zu den Polizeiverhören hatte er keinen Zutritt.

Die Angeklagten sitzen in einer Art Holzkasten, hinter jedem ein Wachmann. Sie haben mit Haschisch gedealt. Oder Polizisten mit Bier bespritzt, sich gegen die Festnahme gewehrt und an die Gefängniswand "Ficken" gekritzelt. Andere haben ihre Frau geschlagen, nein, man muss schon zugeben: Sehr viele stehen hier, weil sie ihre Frau geschlagen haben.

Und nun sollen sie darüber sprechen. Sind aber kaum zu verstehen, weil das Mikrofon kaputt ist. "Wir müssen wohl mal den Elektriker holen", meint der Richter. Eine Woche später sagt die Richterin dasselbe. Einen Monat später ist das Mikrofon für die Angeklagten immer noch tot. "Sprechen Sie einfach laut und deutlich", herrscht die Richterin Amir an, einen eingeschüchterten jungen Burschen, "zeigen Sie wenigstens ein Mal ein wenig Energie in Ihrem Leben!" Amir ist illegal aus Nordafrika eingewandert. Er hat in Paris zwei Gramm Marihuana verkauft.

Jetzt spricht die Staatsanwältin, Amir schaut nach oben, denn die Vertreterin der Anklage thront auf einem Podest, das sie über alle erhebt, auch über die Richter. Sie spricht spöttisch nach, was der Angeklagte zu seiner Entschuldigung vorgebracht hatte ("nur ein bisschen Shit"). Keiner lacht. Sie zischt "entfernen", "ausmerzen", "eliminieren". Sie meint Amir, den Rückfalltäter. Danach ist seine Anwältin an der Reihe. Sie hatte nur eine Stunde Zeit, seine Akte durchzublättern, nach seiner Familie und seiner Arbeitsstätte zu fahnden und sich ein Argument zu seiner Verteidigung einfallen zu lassen. Die Plädoyers dauern fünf bis sieben Minuten. Nächster Fall. Noch einer, dann schnell noch einer. Das Gericht zieht sich zurück, fällt fünf Urteile, nach einer Stunde werden sie verkündet. Amir muss für acht Monate ins Gefängnis. 

In den überfüllten Zellen werden Matratzen auf die Fußböden gelegt

Zu den Werkzeugen der "compa" gehört eine standardisierte Liste mit dem Namen "Natinf", die das Strafgesetzbuch konkretisiert und der Verständigung zwischen Polizei und Staatsanwalt dient. Jeder Natinf-Ziffer entspricht ein Tathergang mit seinen verfahrensrechtlichen Folgen. Die "compa" bietet ohnehin kaum Zeit dafür, die Persönlichkeit des Täters und die Umstände der Tat zu ergründen, da ist so eine Liste hilfreich bei der Massenproduktion von Gerichtsurteilen.

Tempo, Tempo! Während der Kurzverhandlung mahnen die Richter immer wieder Angeklagte und Anwälte zur Eile, etwa 20 Fälle sollen an einem einzigen Verhandlungstag erledigt werden. In ihrer Forschungsarbeit zur comparution immédiate spricht die Rechtssoziologin Angèle Christin von einer "repressiven Automatisierung des Rechts". Einem Bericht des französischen Senats zufolge, der zweiten Parlamentskammer, ist mehr als die Hälfte aller Haftstrafen das Ergebnis einer "compa", fast 50.000 pro Jahr. Und das ist nur der landesweite Durchschnitt. In den größeren Städten spielt das Schnellverfahren eine viel wichtigere Rolle.

Die meisten Verurteilten, die auf diesem Fließband landen, enden im "Arresthaus". Im Prinzip gibt es in Frankreich zwei Typen von Gefängnissen: zum einen die 113 Arresthäuser, vorgesehen für die Untersuchungshaft und die Verbüßung von Freiheitsstrafen unterhalb eines Jahres. Zum anderen die 60 "Strafzentren" – und einige Spezialeinrichtungen – für die harten Fälle. Arresthäuser sind vollgepferchte Massenunterkünfte, Strafzentren stark gesicherte Gefängnisse mit Einzelunterbringung. In all diesen Knästen sitzen heute insgesamt 61343 Menschen ein, Plätze gibt es nur für 53.000 Insassen. Die Zahlen sagen aber erst etwas aus, wenn man die Arresthäuser gesondert betrachtet: Nur sie sind überbelegt, zu 125 Prozent – im Schnitt. Zwölf dieser Gefängnisse sind sogar zu mehr als 200 Prozent überbelegt. Das Arresthaus in Le Mans: 208 Prozent, in Orléans: 216, in Béziers: 221, in Fontenay-le-Comte: 231, in La Roche-sur-Yon: 260 Prozent, wie auch in Béthune.