Den Alltag in einem überbelegten Gefängnis beschreibt Céline Verzeletti, die Gewerkschafterin aus dem Frauengefängnis, so: "Sie gehen morgens in jede Zelle, um nachzusehen, bringen das Frühstück, begleiten die Gefangenen zur Dusche, ins Gesprächszimmer, auf den Hof, zum Sport, zum Arzt. Das ist alles genau definiert, aber was machen Sie, wenn es einfach zu viele sind? Dann müssen Sie mit einem Minimum an Wörtern auskommen. Befehle eben." Gestresste, schlecht ausgebildete Beamte, ewiges Gebrüll. In den überfüllten Zellen, die nicht genügend Betten haben, werden Matratzen auf die Fußböden gelegt.

Man kann nicht behaupten, dass Frankreich besonders strafwütig wäre. Mit weniger als 100 Gefangenen pro 100.000 Einwohner liegt das Land immer noch unter dem europäischen Durchschnitt von 137, auch unter dem deutschen, obwohl die französische Quote in den vergangenen 20 Jahren gewachsen ist.

Von 2002 an, so stellte es der Menschenrechtskommissar des Europarates fest, steigt die Zahl der Kurzstrafen rasant, denn seither hagelt es Gesetzesverschärfungen gegen die Kleinkriminellen, und die Arresthäuser brechen unter der unerwarteten Last zusammen. Schneller wächst freilich der Anteil der Verurteilten, denn das Schnellverfahren hat die Zahl der Untersuchungshäftlinge drastisch gesenkt.

Seit 2002? Damals wurde Nicolas Sarkozy Innenminister.

Die Tendenz beschleunigt sich seit dem Sommer 2007, seit dem "Dati-Gesetz", eingebracht von der damaligen Justizministerin Rachida Dati. Das Dati-Gesetz sieht – gerade wenn die Täter minderjährig sind – steigende Gefängnisstrafen für Rückfalltäter vor und beschneidet die Möglichkeiten der Gerichte, auf Bewährungsstrafe, Geldstrafe oder erzieherische Maßnahmen auszuweichen.

Seit Sommer 2007? Damals wurde Nicolas Sarkozy Präsident der Republik.

Ihm war der Aufstieg zum Präsidenten auch deshalb gelungen, weil er der rechtsextremistischen Front National die Wählerstimmen abjagen konnte. Indem er schärfere Strafen für Rückfalltäter und Kleinkriminelle forderte. Sein Versprechen löste er unmittelbar nach der Wahl ein. Keine Reform der Verhältnisse in den Strafanstalten. "Stattdessen sollten wir lieber an die Opfer denken", so formulierten es Angehörige der Regierungsmehrheit im Rechtsausschuss der Assemblée nationale, dem Parlament. Als mache das Leid der Bestraften das Leid der Opfer ungeschehen. 

Als wenn jemand wie Benoît kein Opfer wäre. Der rundliche Endvierziger ist ein Kleptomane. Er weint leise, als er vor seiner Richterin im Pariser Justizpalast steht. Seine Schwester Clara verbeißt sich die Tränen. Benoît wohnt bei ihr, und sie fleht darum, ihn nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen. "Er bringt sich noch um", sagt sie und knetet die Hände.

Fast die Hälfte der Insassen leidet an einer schweren Depression

"Wir kennen uns", sagt die Richterin und hält seine Akte hoch: 39-mal verurteilt, 17 Jahre hinter Gittern. Als Jugendlicher hatte Benoît mit dem Stehlen angefangen, dann damit aufgehört. Nach seiner Scheidung vor fünf Jahren ging es wieder los. In Wohnwagen brach er ein, in Fotogeschäfte und einmal in einen Computerladen. Er wurde erwischt, weil er schlafend in der Telefonzelle vor dem Geschäft lag, den gestohlenen Rechner im Arm. Dicker noch als seine Strafakte ist die Sammlung der psychiatrischen Gutachten. Diagnosen, Diagnosen, aber keine Therapie. Stattdessen wieder Einsperren: zwei Jahre, die Hälfte der Zeit im geschlossenen Vollzug, wegen einer gestohlenen Kamera.

Fast ein Viertel der Gefangenen in Frankreich ist psychotisch. Sind sie deshalb straffällig geworden, oder haben sie die Verhältnisse im Knast seelisch nicht verkraftet? Immerhin 16 Prozent waren vor ihrer Haft schon einmal in einer Anstalt für psychisch Kranke, aber letztlich kommt es nicht darauf an, denn in einem humanen Staat gilt: Wer krank ist, muss versorgt werden, auch wenn er im Gefängnis sitzt. Gut sieben Prozent der französischen Sträflinge sind schizophren; über 40 Prozent leiden an einer schweren Depression; 60 Prozent erhalten psychotrope Medikamente. Das sind nur mehr oder weniger gute Schätzungen. Die Vernachlässigung der geisteskranken Gefangenen beginnt in der Statistik, aber auf der Grundlage dieser Zahlen kommt man selbst bei vorsichtiger Schätzung auf mindestens zehntausend Menschen, die im Gefängnis nichts zu suchen haben, sondern in die Psychiatrie gehören. Wie Benoît, dem die Staatsanwältin vorwarf, er habe im Gefängnis schon "genügend Zeit zum Nachdenken" gehabt.

Worüber sie wohl gerade nachdenken, die anderen seelisch Kranken in den Haftanstalten? Sie, die ihre Mitgefangenen und die Beamten anspucken, die absichtlich ihr Essen verschütten, nicht zur Toilette gehen? Die in den monströsen Gefängnissen, in denen alles widerhallt wie in Badeanstalten, schreiend die Nächte verbringen? Am schlimmsten ist es in der zweiten Hälfte eines jeden Monats, dann, wenn viele der Patienten ihre vierwöchentliche Ration Psychomedikamente aufgebraucht haben. Wenn sie rasen statt zu dösen. Wenn sie vor Schmerz und Verzweiflung brüllen und mit allem schlagen, rasseln, klappern, was sie ergreifen können. So lange, bis sich mehrere Beamte gleichzeitig auf sie stürzen, um sie in eine Isolier- oder Arrestzelle zu sperren, statt sie ins Krankenhaus zu bringen.