Vor 18 Monaten, auf dem Höhepunkt der Kreditkrise, waren die Prioritäten in Washington klar: Eine grundlegende Reform des Finanzsystems war dringend geboten. Nie wieder sollte es Banken möglich sein, Arbeitsplätze, Ersparnisse und Eigenheime in diesem Ausmaß zu verwetten. Es war einer der wenigen Punkte auf der Agenda des frisch gewählten Präsidenten Barack Obama, der von beiden Parteien Unterstützung erhielt. Doch in der andauernden US-Wahlkampfschlacht ist der parteiübergreifende Impuls verpufft. Wie wenig davon übrig ist, zeigte die Abstimmung am vergangenen Montag im Senat, bei der die republikanischen Abgeordneten dagegen stimmten, über den nach langem Ringen erreichten Reformvorschlag überhaupt zu debattieren.

Von Anfang an war klar: Nichts ist schwieriger als eine Überholung des Finanzsystems. Es ist wie der Blutkreislauf, der die anderen Glieder der Wirtschaft versorgt und ihr reibungsloses Funktionieren ermöglicht. Kompliziert wird diese Aufgabe durch das – legitime – Gewinnstreben der Banken. Der Gesetzgeber muss diese Interessen ausbalancieren. Vor allem aber ist das System komplexer als je zuvor. Selbst bei den Banken verstehen nur Spezialisten die Transaktionen im Derivatebereich. An der Wall Street arbeiten inzwischen fast mehr Mathematiker als Wirtschaftswissenschaftler. Verständlich, dass über ein solches Reformvorhaben viel diskutiert und auch gestritten wird. Auch nach dem Crash von 1929 und der Großen Depression dauerte es mehrere Jahre, bis die Reformen umgesetzt wurden. Doch es gibt einen beunruhigenden Unterschied: In Washington geht es heute nur noch am Rande um Sachfragen.

Beide Parteien sind zu sehr damit beschäftigt, sich die Wählergunst durch populäre Positionen zu sichern. Die Maßnahmen werden daraufhin abgeklopft, wie gut sie sich als Munition im Kampf um Stimmen bei den Kongresswahlen im November eignen. Dass Sachargumente in der politischen Debatte untergehen, ist nicht neu. Aber die Unwilligkeit, einen vernünftigen Kompromiss zu finden, hat in Washington ein gefährliches neues Niveau erreicht. Die Finanzreform gleicht einer Operation am offenen Herzen. Durch Fehlentscheidungen könnte die vorsichtige Erholung schnell wieder zusammenbrechen – von den langfristigen Folgen ganz zu schweigen. Washingtons Schlammschlacht droht den Rest der Welt einzuholen.