Nichts gegen Chinesen. Es ist nur etwas irritierend zu hören, man stamme aus dem "kleinen China". Dieser Ausdruck kursiert derzeit in Paris, und gemeint ist Deutschland, das egoistisch gewordene Land der niedrigen Löhne und des unbedingten Willens zum Export. Das Land, dessen Kanzlerin angeblich die antieuropäische Rolle Margaret Thatchers übernommen hat; aus der bewunderten "Mutti" ist die verhasste "Madame Non" geworden. Berlin zwinge Athen in die Knie und trage doch Mitschuld am Desaster: "Die Deutschen haben Waffen an die Griechen verkauft und jetzt kritisieren sie deren Budgetpolitik", entrüstete sich unlängst Jean-Michel Quatrepoint, ein angesehener Wirtschaftspublizist.

Vielleicht informiert ihn mal jemand darüber, dass Deutschlands Industrie nicht verstaatlicht ist?

Quatrepoints Äußerung fiel auf einer bemerkenswerten Veranstaltung. Eingeladen hatte die Stiftung Res Publica, die Jean-Pierre Chévènement leitet, ehemals sozialistischer Innen- und später Verteidigungsminister; gekommen waren Rechte und Linke, die Quatrepoint stürmisch applaudierten, als er forderte, auf die Deutschen müsse jetzt Druck ausgeübt werden. Zum Beispiel mit der Drohung, die Euro-Zone aufzuspalten: "Wir machen dann eben Eurofranc und Euromark." Maliziös fügte er an, für einige Deutsche sei Frankreich offenbar kein echter Partner mehr, sondern im Wesentlichen nur noch ein Reiseland, und "das war ja schon 1940 die Meinung". Die Versammlung wurde von Chévènement mit dem Ausruf beschlossen: "Vive la France!"

Tags darauf ein Artikel des Philosophen André Glucksmann im Figaro, in dem er von einer "radikalen Wende Deutschlands" schrieb, das nicht mehr um Europas willen zahlen, sondern stattdessen am russischen Modernisierungsgeschäft verdienen wolle – "adieu Paris, bonjour Moscou" formulierte Glucksmann und drückte damit den verbreiteten Vorwurf aus, dass Deutschland wieder einen verhängnisvollen Sonderweg zwischen Ost und West eingeschlagen habe. Der altgediente Publizist Alexandre Adler, auf dessen Wort gemeinhin zu Recht gehört wird, verstieg sich gar dazu, ausgerechnet die Amtszeit der Ostdeutschen Angela Merkel als "posthumen Triumph einer Art DDR" zu bezeichnen, "wie sie die Kanzlerin verkörpert: preußisch, autark und slawophil". Die Preußen! Hatten die sich nicht mit dem Zaren gegen Napoleon verbündet? Frankreichs Wortführer stellen mit Vorliebe Schlachten der Vergangenheit nach. Manchmal ist diese Marotte liebenswert, zuweilen aber heuchlerisch.

Immerhin ist es Frankreichs staatlicher Marinekonzern DCNS, der gerade über den Verkauf von vier Schlachtschiffen an die Russen verhandelt, mit denen diese die strategische Lage im Schwarzen Meer zu ihren Gunsten verschieben wollen. Der Sohn des an diesem Deal mitverdienenden russischen Milliardärs Sergej Pugatschew hat unterdessen zwanzig Millionen Euro in das bis dato halb tote Boulevardblatt France Soir gepumpt, dem nicht gerade Oppositionslust nachgesagt werden kann und dessen frischbestallte Chefredakteurin soeben von Nicolas Sarkozy persönlich in die Ehrenlegion aufgenommen wurde. Drushba!

Gleichwohl, aus Pariser Sicht sind es die Deutschen, die sich den Russen an den Hals werfen. Gerhard Schröders Engagement für das Pipeline-Projekt von Gazprom gilt als Beleg, dasjenige Joschka Fischers für eine konkurrierende Gasleitung nicht als Gegenbeispiel. Und warum betreibt Siemens seine Atomgeschäfte lieber mit der russischen Rosatom als mit der französischen Areva? Nicht aus geopolitischen Sehnsüchten. Sondern weil die Franzosen den Deutschen keine Gleichberechtigung zubilligen wollten. Es gibt übrigens noch ein weiteres nukleares Großunternehmen in Europa, das dieser Tage mit Rosatom anbandelt: Frankreichs staatlich kontrollierten Stromkonzern EDF.

Das Russland-Argument ist nichts wert. Aber die veröffentlichte Meinung gibt auch nicht bloß Pariser Geschnatter wieder. Da ist mehr.

Eine Spur legte die Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, als sie öffentlich Deutschlands Außenhandelsüberschuss kritisierte. Sie erhielt aus allen Lagern Beifall, und der Begriff der "illoyalen Kunkurrenz" kam in Umlauf. Konkurrenz, gewiss; aber wieso soll es illoyal sein, dass in Deutschland gelang, was in Frankreich nicht glücken will, nämlich die Senkung der Lohnnebenkosten? Es war auch nicht der DGB, der die 35-Stunden-Woche in Frankreich eingeführt hatte. Und wäre es denn im Interesse Frankreichs gewesen, hätte Deutschland die Wiedervereinigung weniger gut bewältigt? Frankreich sollte lieber froh darüber sein, dass sein Nachbarland wachstumsstark ist und jetzt wieder beginnt, Zwischenprodukte nachzufragen.