Michael Gielen kommt durchs Hotelfoyer. Ein kräftiger, mittelgroßer Mann von 82 Jahren. Er nimmt Platz, wir sprechen ein bisschen über den Wörthersee draußen, denselben, auf den vor gut 100 Jahren Gustav Mahler beim Komponieren blickte und dessen Ufer mittlerweile, so Gielen, "kaputtgebaut" sind. Er und seine Frau Helga haben hier erstmals vor 50 Jahren Urlaub gemacht, als ihre Kinder ganz klein waren. Jetzt sind die beiden hier wieder zur Kur. Helga bringt ihrem Mann ein Glas Tee. "Danke, mein Herz", sagt er.

DIE ZEIT: Das ist also die Frau, die Adorno Ihnen ausspannen wollte. Sie beschreiben das in Ihren Memoiren.

Michael Gielen: Ja, aber als Nebensache! Diesem Buch können Sie auch entnehmen, dass ich ihn für einen der größten Denker halte, soweit ich seine Philosophie verstehe. Es gibt niemanden, der Vergleichbares über Musik geschrieben hätte. Er hat viel für mich getan. Nur Frauen gegenüber war er etwas dubios. Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht.

ZEIT: Adorno war auch mit Ihrem Onkel befreundet, Eduard Steuermann, dem von Arnold Schönberg und seinem Kreis höchst geschätzten Pianisten. Spielt es für Sie eine große Rolle, dass Sie über Steuermann sozusagen familiär mit der Zweiten Wiener Schule verbunden sind?

Gielen: Eine entscheidende Rolle! Stellen Sie sich vor, einen Onkel zu haben, der bei Schönberg studiert hat! Obwohl er mit ihm eine furchtbar schwierige Beziehung hatte. Im Grunde komponierte Eduard erst, als Schönberg tot war. Er hat so gelitten unter der Nähe dieses Genies. Er hat sich mal bei ihm beklagt, dass er schwere Hemmungen beim Komponieren habe. Dem Schönberg erzählt er das! Eduard war ja intelligent genug, um zu wissen, wer die Ursache seiner Hemmungen war! Und der Schönberg sagt, so schwierig ist das nicht, unterhält sich mit ihm und notiert währenddessen etwas. Plötzlich stehen da 20 Takte, das ist ein sinnvoller Satz, avanciert tonal, und dann sagt der Schönberg: Schaun wir mal, was wir da haben, und analysiert das mit ihm. Während der Unterhaltung hat er das geschrieben!

ZEIT: Demütigend.

Gielen: Schrecklich, nicht? In der Umgebung so eines Supergenies zu leben. Aber die Verwandtschaft hat mich sehr beeindruckt. Bei uns zu Hause, das war noch in Dresden, vor der Emigration, lag eine Taschenpartitur des Pierrot Lunaire von Schönberg, die meine Mutter benutzt hatte. Sie hatte die Sprechpartie übernommen und das Metrum hineingemalt: Eins, zwei, drei… Und Schönbergs opus 19 lag rum, die Klavierstücke, mit elf Jahren hab ich versucht, das zu entziffern. Es war mir eine Pflicht, mich damit zu beschäftigen.

ZEIT: Vor den Nazis wich Ihr Vater, der Regisseur Josef Gielen, mit Sympathien für die Sozialdemokratie, mit einer Jüdin verheiratet, zuerst nach Berlin aus, dann nach Wien, schließlich nach Argentinien. Dort begannen Sie selbst mit dem Komponieren.

Gielen: Ich war 1946 in Buenos Aires in einer Studentenverbindung gegen Perón, wir sind gegen die Faschisten auf die Straße gegangen. Die Nacionalistas, die Nazis, gingen natürlich auch auf die Straße. Da kam es jedes Mal zu Rempeleien, auch zur Schießerei. Einmal flüchtete ich vor einer Schlägerei durch ein Baugerüst. Da stand einer mit einer Latte und wartete, dass jemand kommt. Der war ich. Meine rechte Seite war voll Blut. Meine Eltern haben noch in der Nacht einen verschwiegenen Arzt für mich aufgetrieben und beschlossen, dass es jetzt reicht mit der Politik. Sie haben mich nach Süden geschickt. Dort fing ich an zu komponieren. Ich führ das auf diesen Schlag auf den Kopf zurück, der hat mich zur Vernunft gebracht.

ZEIT: Aber Sie haben Musik immer auch als politisch verstanden.

Gielen: Alles, was man tut, hat eine Beziehung zu der Art, wie man lebt, und das ist politisch. Aber ich hab nie wie Eisler versucht, in Kompositionen faktisch politische Ideen einzubringen oder solche Texte zu komponieren. Der Versuch, die Intelligenz zu benutzen beim Musizieren, aufgrund der Analyse in die Praxis zu gehen, was ja nicht bedeutet, dass es weniger sinnlich sein muss, ist ein eminent politischer Akt. Und das so beliebte Musizieren aus dem Bauch heraus ist auch einer.

ZEIT: Den Sie gelten lassen.

Gielen: Wie das? 

ZEIT: Sie bewundern Wilhelm Furtwänglers "unglaubliche Kraft der Suggestion", und über Carlos Kleiber schreiben Sie in Ihrem Buch: "Er wusste, wie Musik geht, ohne die Theorie darüber kennen zu müssen."

Gielen: Das ist nicht dasselbe. Furtwängler überzeugte durch die Kraft der Persönlichkeit, auch wenn alles, was er bei Beethoven gemacht hat, falsch war, nach unseren Kriterien, Schönbergschen Kriterien. Oder wenn Sie wollen: Beethovenschen Kriterien. (lacht)Carlos wiederum war einfach ein genialer Musiker. Der brauchte die Analyse nicht, weil er wusste, wie das geht, sein Instinkt trieb ihn nie in die falsche Richtung.