Sie haben die Gegend hier eher durch Zufall entdeckt. Kurz nach der Wende war das, als sie fast jedes Wochenende mit dem Motorrad durchs Umland fuhren. Über Straßen und Alleen, die eigentlich Geröllpisten waren, durch backsteinerne Dörfer und dichte Wälder. Brandenburg, das neue Bundesland vor der Stadtgrenze Berlins, wirkte auf sie, als sei hier einfach die Zeit stehen geblieben.

"Es hatte schon etwas Wildes", sagt Alexander Münich, damals noch Inhaber einer großen Berliner Werbeagentur. "Es war wunderschön", sagt seine Frau Sabine. Als sie eines Tages nach Groß Glienicke kamen, wollten sie gar nicht glauben, dass dieser verwunschene Ort all die Jahre fast vor ihrer Haustür gelegen hatte. Eine Kirche, ein Gutshaus, eine Schule und ein von uralten Weiden umstandener See, in der Mitte zwei Inselchen, von grünblauem Wasser umspült, am Ufer baufällige Häuser, die in sich zusammensacken. Die Münichs fragten sich, wie es wohl wäre, hier zu leben. Ein absurder Gedanke, damals, aber er ließ sie nicht los.

Heute, fast 20 Jahre später, sitzen die Münichs, beide Mitte fünfzig und längst keine Motorradfahrer mehr, in ihrer imposanten Villa aus weiß gestrichenem Stahlbeton und viel Glas. Durch die riesige Glasfront im Wohnzimmer schaut man auf den See, in dem sich die Wolken spiegeln. Es ist ein warmer Tag, Terrassenwetter eigentlich. Doch seitdem die Münichs das ganze Dorf gegen sich aufgebracht haben, bleiben sie lieber drinnen.

Jahrelang hatten sie mit den Behörden verhandelt, um ihre privaten, aber öffentlich zugänglichen Badestellen einzuzäunen und dort einen Steg hinzubauen. Das ließe sich schon machen, hieß es, obwohl der See im Naturschutzgebiet liegt. Eine Genehmigung wurde aber nie erteilt. Kurz vor Ostern riss ihnen schließlich der Geduldsfaden. Die Münichs ließen den Uferweg, der durch ihr Anwesen führt, sperren. Ihre Nachbarn, ein paar Parzellen weiter, errichteten vor ihrem rosafarbenen mit Türmen und Säulen verzierten Domizil einen Erdwall, an einem dritten Ufergrundstück standen Wachleute mit Hunden, eine Flutlichtanlage und Überwachungskameras. Vor zwei Wochen hat die Stadt Potsdam, zu der Groß Glienicke gehört, die Barrikaden räumen lassen, wiederum aus Naturschutzgründen. Seither sperren die aufgebrachten Anrainer den Weg vor ihren Häusern mit rot-weißem Flatterband. Wer trotzdem hier spazieren geht, begeht Hausfriedensbruch. "Der Weg gehört uns", sagt Münich. "Der Weg gehört allen", sagen die Leute im Dorf.

Weil die Rechtslage bei Weitem nicht so eindeutig ist, wie die jeweiligen Parteien behaupten, geht der Groß Glienicker Uferstreit nun schon in die fünfte Woche. Es geht um Arm gegen Reich, sagen die einen. Es geht ums Prinzip, sagen die Münichs und ihre Mitstreiter. Es geht um die Zukunft von Groß Glienicke, sagt Winfried Sträter, der stellvertretende Ortsvorsteher. Möglicherweise geht es sogar um die Zukunft des Ferienlandes Brandenburg, das dem Reisenden außer seinen vielen Seen wenig zu bieten hat. Und die sind schon längst nicht mehr alle für jedermann zugänglich.

Am Griebnitzsee, wo die Rechtslage eindeutiger ist als in Groß Glienicke, haben die Villenbesitzer das Ufer vergangenen Sommer dichtgemacht. An große Teile des Fleesensees kommen nur noch die Gäste der gleichnamigen Ferienanlage. Der Wandlitzsee ist kürzlich an einen Investor verkauft worden, der schon durchblicken ließ, dass er wenig Interesse an Spaziergängern hat. Am Mellensee schwelt ein ähnlicher Streit wie in Groß Glienicke. Doch hier ist die Lage besonders brisant.

Bis zur Wende war der See nämlich Teil der deutsch-deutschen Grenze und das Ufer die Rennstrecke von bis unter die Zähne bewaffneten Soldaten. Heute ist er Teil des Berliner Mauerradweges, der vergangenes Jahr mit EU-Mitteln eingerichtet wurde. Wer mag, kann sich beim Radeln per Audioguide die Geschichte der deutschen Teilung erklären lassen. Direkt neben der Villa der Münichs zeigt ein Schaukasten Fotos aus den grauen Jahren zwischen 1961 und 1989. Dass man gleich hinter dem Schaukasten wieder auf Sperranlagen trifft, ist die eine bittere Pointe dieser Geschichte. Die andere: Die Stadt Potsdam ist mit daran schuld.