1. Wie ernst ist es der Bundesregierung mit ihrer harten Haltung gegenüber Griechenland?

Die Deutschen sprechen klare Worte. Bevor den Griechen geholfen wird, müssen sie "ein glaubwürdiges Stabilitätsprogramm" vorlegen (Bundeskanzlerin Angela Merkel). Wer "zu früh konkrete Hilfszusagen" mache, verringere bloß den Druck auf das Land, seine "Hausaufgaben zu erledigen" (Vizekanzler Guido Westerwelle). Die Bundesregierung gibt sich entschlossen – und überdeckt damit doch nur die eigene Unsicherheit. Denn wer entscheidet eigentlich, ob die Griechen "glaubwürdig" sparen? Wann hat ein Land seine "Hausaufgaben erledigt" – und wann nicht?

Mit immer neuen Floskeln kaschieren Merkel und Westerwelle: Sie sehen zur Rettung Griechenlands selbst keine Alternative, weil niemand weiß, welche Folgen ein Staatsbankrott hätte. Kein Politiker, der Entscheidungen treffen muss, liebt so eine Situation. Der Streit um Finanzhilfen für Griechenland erinnert ein wenig an den Vorabend des 15. September 2008 – als es um die angeschlagene Investmentbank Lehman Brothers ging. Niemand wusste, was passieren würde, wenn man Lehman fallen ließ. Woher auch? Also glaubten alle an Szenarien. Zum Beispiel daran, dass eine Pleite Lehmans nicht schlimm sein würde. Sünder müssten auch mal bestraft werden, sagten damals viele. Dieselben Leute sahen das wenige Tage später anders – als Lehman tatsächlich pleiteging und die ganze Weltwirtschaft beinahe mit in den Abgrund riss.

Merkel und Westerwelle wollen das nicht noch einmal erleben. Darum ist die Entscheidung, Griechenland zu helfen, längst gefallen: am 25. März, beim Treffen der EU-Regierungschefs in Brüssel. Damals vereinbarte man, den Griechen beizuspringen. Nur der deutschen Öffentlichkeit präsentierte die Kanzlerin diese Entscheidung etwas anders – als letzte Möglichkeit, als Ultima Ratio. Nun hat die Wirklichkeit ihre Worte eingeholt. Am Dienstag stufte die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) die Kreditwürdigkeit Athens bereits auf Ramschstatus herab und versetzte die Märkte in Aufregung. Parallel senkte S&P die Bonitätsnote Portugals. Schon steigt der Druck auf Lissabon. Marc Brost