Ist das frisches Wasser?", fragt Peter Mandelson und weist auf das Glas, das vor ihm auf dem Beistelltisch im Labour-Hauptquartier an der Londoner Victoria Street steht. "Ich habe daraus getrunken", sagt der Interviewer aus Deutschland. "Ich gebe Ihnen all diese Wörter, da können Sie mir etwas Wasser abgeben." Und ohne einen Moment des Zögerns führt Labours oberster Wahlkampfstratege, der wichtigste Minister der Regierung ihrer Majestät, Lord Peter Mandelson, das benutzte Glas zum Mund. Nein, man sollte Labour nicht zu früh abschreiben, egal, was in den Zeitungen steht. Dieser Mann, den sie in Großbritannien lange Jahre den Prinzen der Finsternis nannten, ist immer für eine Überraschung gut.

Einen Stadtteil weiter läuft Bridget Fox im weißen Hosenanzug und mit dem hastigen Schritt einer Wahlkämpferin durch die Upper Street. Bei der letzten Wahl fehlten der Liberaldemokratin in Islington 484 Stimmen zum Sieg über die Konkurrentin von Labour. Diesmal könnte sie es schaffen. Es wäre auch ein symbolischer Triumph. In Islington hatten einst Tony und Cherie Blair ihr Haus; in den schicken Boutiquen und den charmant heruntergekommenen Trödelläden shoppte jene urbane Mittelschicht, die zu erobern in den neunziger Jahren New Labours ganzer Stolz war. Leger zeigt Fox über die Straße auf eine mexikanische Kneipe: "Hier war mal das Granita." In der Politfolklore Großbritanniens ist das Restaurant Granita ein fast mythischer Ort. Der Legende nach besiegelten dort 1994 die Oppositionspolitiker Tony Blair und Gordon Brown ihre Aufteilung der innerparteilichen Macht. Alle Größe, alle Hoffnung, alles Drama von New Labour nahm hier seinen Ausgang. Heute kostet ein Chili con Carne dort 8,95 Pfund, Burritos gibt es vegetarisch schon für 7,95. Und der Name des neuen Lokals lautet: "Desperados".

Peter Mandelson war bereits zu Zeiten des "Granita-Deals" der Dritte im Bunde. Als New Labours Chefstratege steht er nicht nur für das politische Projekt einer Erneuerung der Sozialdemokratie. Er ist auch Zeuge eines emotionalen Abenteuers, das sich von Anfang an mit New Labour verband: Wie konnten zwei so ungleiche Konkurrenten wie Blair und Brown Land und Partei auf Kurs halten, obwohl sich im Inneren des gemeinsamen Projekts unter hohem Druck brutale Rivalität und innige Verbundenheit zu einer denkbar explosiven Mischung verbanden?

"Es gibt niemanden, der mir und meiner politischen Karriere mehr Schaden zugefügt hat als Gordon", sagt Mandelson, "und doch war er derjenige, der mich zurück in die britische Politik geholt hat." Es ist ein erstaunlicher Satz für Browns wichtigste Stütze in Partei und Kabinett: Niemand hat ihm und seiner politischen Karriere mehr Schaden zugefügt als der heutige Premierminister? Mandelson hatte einst als Brown-Unterstützer begonnen, wechselte dann ins Blair-Lager, als er dessen politisches Talent erkannte. Zweimal musste er seitdem als Minister wegen Skandalen zurücktreten. Überraschend wurde er vergangenes Jahr, nach einer Art Auszeit als EU-Kommissar für Außenhandel, von Brown zurück an den Kabinettstisch geholt. Jetzt liegt es in Mandelsons Hand, den Premier, Labour und sich selbst ein letztes Mal zu retten.

Doch gegen Bridget Fox’ Erfolg auf den Straßen von Islington könnte sich selbst Mandelsons Wahlkampfmaschine als wirkungslos erweisen. Nach drei Wahlsiegen seit 1997, nach Irakkrieg, Blair-Abschied und Finanzkrise ringt Labour bei vielen Wählern darum, überhaupt noch Gehör zu finden. Fox und ihre Parteifreunde dagegen sind die eigentliche Überraschung dieses Wahlkampfs. Weder der unpopuläre Verteidiger, Premier Brown, noch die Hoffnung der Konservativen, der erstmals antretende Parteichef David Cameron, vermögen die Briten in ausreichender Zahl für sich einzunehmen. Vielmehr ereignet sich gerade etwas Unerhörtes in einem Land, das seit über 90 Jahren den weitgehend störungsfreien Wechsel der Macht von der Linken zur Rechten und wieder zurück erlebt hat. Weil kleine Parteien vom britischen Mehrheitswahlrecht noch kleiner gemacht werden, sind die "LibDems" im aktuellen Parlament gerade mal mit zehn Prozent der Abgeordneten vertreten, obwohl sie zwanzig Prozent der Stimmen erzielten. Doch plötzlich drängen die LibDems mit Kraft auf die Bühne und ins Bewusstsein der Wähler.

"Inzwischen tragen wir nur noch flache Absätze", sagt Bridget Fox, zu viele Treppen sind sie und ihre Helfer schon hoch- und runtergelaufen. Traditionell klopfen Kandidaten in Großbritannien persönlich an die Türen ihrer Wähler und werben um Unterstützung: "Können wir auf Sie zählen?" Doch Fox reitet auf einer Welle, die hier "Cleggmania" heißt: Erstmals gab es dieses Jahr Fernsehduelle der Spitzenkandidaten – und keiner wusste die Chance besser für sich zu nutzen als Nick Clegg, der Vorsitzende der Liberaldemokraten. "Er hat von der Demokratie profitiert", kommentiert Peter Mandelson trocken.

Tagelang liefen Ausschnitte der "Duelle zu dritt" in Wiederholungsschleifen. Und noch bei abgedrehtem Ton transportierte sich eine Frische und Unverstelltheit in Cleggs Auftritten, die plötzlich Brown, vor allem aber den Konservativen David Cameron seltsam alt aussehen ließ. Schon bescheinigen Experten dem Tory-Chef, die Teilnahme am Duell sei womöglich der strategische Fehler seines Lebens gewesen. Von Herkunft, Bildung und jungenhaftem Äußeren sind die beiden 43-Jährigen Clegg und Cameron fast verwechselbar. Umso entscheidender ist, glaubwürdig die Sehnsucht der Wähler nach Wandel zu verkörpern. Genau dort büßte der Tory sein größtes Kapital ein: Das Charisma des Neuen, des Herausforderers ging unvermutet auf Clegg über. Von einem "Phänomen des Fernsehzeitalters" spricht auch Mandelson etwas missmutig: "Das Soufflé fällt doch schon wieder in sich zusammen." Auf Bridget Fox’ Klingeltour aber wird deutlich: Die LibDems verkörpern einen Zeitgeist, der für Labour wie für Tories nur schwer einzufangen ist.