Ich gehöre zu den Menschen, von denen Sokrates in Platons Phaidon sagt: "Viele, denen Geliebte und Frauen und Kinder starben, gingen bereitwillig in den Tod, denn sie waren von der Hoffnung getrieben, dass sie die, nach denen sie so sehr sich sehnten, nach ihrem Tod wiederfinden und mit ihnen zusammen sein werden." Seit dem 11. September 2001, dem Todestag meines geliebten Mannes, der 56 Jahre das Glück meines Lebens war, habe ich nur den einen Gedanken: ihn im Jenseits wiederzufinden. Seit seinem Tod ist jeder Tag mein letzter Tag. Ich habe meinen Glauben verloren, aber Hoffnung und Liebe sind mir geblieben.

Zu den "vielen", von deren Jenseitshoffnung Sokrates spricht, gehörte ich mein Leben lang. Laut Tagebuch, das mein sorgfältiges Mütterchen von meiner Geburt an über mich geschrieben hat, war ich vier Jahre alt, als ich sie jeden Abend festhielt und wissen wollte, wo gehen die Toten hin? Statt einzuschlafen, stellte ich mir in der Dunkelheit vor, das Jenseits sei eine ewige Nacht im Sarg. Meine Mutter dichtete deshalb sogar Andersens Märchen um, weil ich tagelang weinte, dass das Däumelinchen seine Mutter nie wiedersieht. Sie las also vor, Däumelinchen habe seine Mutter schließlich wiedergefunden. 

Es ergeht mir wie Montaigne, der in seinen Essais schreibt: "Es gibt nichts, womit sich meine Gedanken mehr beschäftigt hätten als mit der Vorstellung des Todes, selbst in der ausgelassensten Zeit meines Lebens." Geholfen hat mir ein anderer Philosoph, der zugleich Naturwissenschaftler war, der große Rationalist Descartes. Er sagt: "Wir werden die Toten dereinst wiederfinden."

Uta Ranke-Heinemann, 82, war die erste katholische Theologieprofessorin der Welt. Ihre Bücher "Eunuchen für das Himmelreich" und "Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum" sind als erweiterte Neuauflagen im Heyne-Verlag lieferbar