Ende März wurde das Museum in Washington eröffnet

ZEIT: Aber nicht auf alle von ihnen kann man stolz sein. Der Raketenbauer Wernher von Braun war Mitglied der NSDAP, entwickelte für die Nazis die V2-Rakete und übersiedelte erst nach dem Untergang des Hitlerreichs nach Amerika.

Lentz: Unser Wunsch ist es, Biografien mit allen ihren Licht- und Schattenseiten darzustellen. Wir planen eine Internetseite, auf der man diese Lebensläufe bis ins Detail nachlesen kann. Nehmen Sie den nach Amerika ausgewanderten und hier jedes Jahr mit Paraden glorifizierten preußischen General Friedrich von Steuben. Er spielte eine wichtige Rolle in den Revolutionskriegen, aber er war ebenso ein Abenteurer, Hochstapler und Spieler.

ZEIT: Was also ist das Ziel des Museums?

Lentz: Deutsche waren die größte Einwanderergruppe. Wir wollen amerikanischen wie deutschen Besuchern zeigen, was Deutschamerikaner geleistet haben, in der Kultur wie der Wissenschaft. Ebenso im Sport. Gerade war eine amerikanische Schulklasse hier und völlig begeistert, dass sie gleich am Eingang auf das Foto des legendären Baseballspielers Babe Ruth stieß. Er war sehr stolz auf seine deutsche Herkunft. Deutsche Touristen freuen sich, wenn sie hier auf Elvis oder Doris Day stoßen. Und alle sind erstaunt, dass deutsche Einwanderer das amerikanische Zeitungswesen prägten und zu den Ersten gehörten, die sich hier für Naturschutz einsetzten.

ZEIT: Das Deutschlandbild ist in Amerika mit Stereotypen besetzt. In Ihrem Museum findet sich kein einziges Bierseidel, keine Lederhose.

Lentz: Ich lebe seit elf Jahren in Washington, ich kam als Journalist der Deutschen Welle. Es hat mich gestört, dass Deutschland oft auf das "Dritte Reich" und Neuschwanstein reduziert wird. Ebenso geht es vielen Deutschamerikanern. Darum sind wir kein Heimatmuseum. Natürlich gab es auch andere Vorstellungen. Manchen wäre es lieber gewesen, wenn wir landsmannschaftliches Brauchtum ausgestellt hätten. Doch am Ende waren sie angetan von meiner Idee eines modernen Museums.

ZEIT: Wie muss man sich das vorstellen?

Lentz: Die Besucher orientieren sich in unserem Ausstellungsraum im ersten Stock entlang der Wände an einer Zeittafel. Sie markiert die großen Einschnitte der deutschen Einwanderung, die letzte große Welle kam in den Fünfzigern. Zeitzeugen erzählen in Videofilmen, wie ihre Herkunft ihr Leben geprägt hat. Bilder und kurze Texte machen die Geschichte anschaulich.

ZEIT: Und doch steht mitten in diesem Raum ein großer Kiosk, der das heutige Deutschland mit allen seinen Reizen auf mehreren Bildschirmen präsentiert: Da tauchen dann plötzlich bunte Berliner Kiezszenen und die im Bau befindliche Hamburger Elbphilharmonie auf. Wollen Sie auch Lust auf eine Reise in die Heimat der Vorväter und -mütter wecken?

Lentz: Selbstverständlich möchten wir bei Deutschamerikanern die Neugier auf diese Bundesrepublik wecken. Wir wollen zeigen, wie modern und multikulturell Deutschland geworden ist.

Das Interview führte Martin Klingst.