DIE ZEIT: Herr Lentz, Sie leiten das gerade eröffnete deutschamerikanische Einwanderungsmuseum in Washington. Warum liegt es ausgerechnet im Chinesenviertel der Hauptstadt?

Rüdiger Lentz: Das irritiert, aber lange vor den Chinesen waren hier die Deutschen, fast 4000 an der Zahl. Und unser Museum, dieses dreistöckige viktorianische Stadthaus, hat 1888 der deutschstämmige Kaufmann John Hockemeyer gebaut. Er gründete hier auch einen deutschamerikanischen Klub. Wir knüpfen also an eine Tradition an.

Zeit: Wieso überhaupt ein deutschamerikanisches Museum? Es gibt weit und breit keine Erinnerungsstätte an die polnischen, irischen oder italienischen Einwanderer.

Lentz: Wir wurden gegründet, weil Deutschamerikaner, vor allem in den vielen deutschamerikanischen Klubs zwischen Washington und Los Angeles, den Eindruck hatten, ihre Geschichte und ihr Einfluss auf die Vereinigten Staaten würden zu wenig gewürdigt.

ZEIT: Weil die Schattenseiten der deutschen Geschichte so erdrückend sind? Nicht weit von hier steht das Holocaust-Museum.

Lentz: Ich sehe uns nicht als eine Antwort auf das Holocaust-Museum. Wir sind kein deutsches, sondern ein deutschamerikanisches Museum. Aber richtig ist, dass die beiden Weltkriege und die Nazizeit es Deutschamerikanern schwer gemacht haben, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen. Viele änderten ihren Familiennamen, obwohl sie selbst mit dem "Dritten Reich" und dessen Untaten nichts zu tun hatten. Doch in den vergangenen Jahrzehnten haben sich viele Deutschamerikaner wieder ihrer Wurzeln erinnert und sind zu Recht ein wenig stolz auf ihren Beitrag seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts.

ZEIT: Tritt man durch Ihre Eingangstür, stechen einem auf den Treppenstufen Schilder mit berühmten Namen ins Auge: Fred Astaire, Albert Einstein, Elvis Presley, Doris Day…

Lentz: Sie alle wanderten aus Deutschland ein oder stammen von deutschen Immigranten ab.