Bert Neumanns Werkstatt befindet sich im Keller einer ehemaligen Brauerei an der Schönhauser Allee, mitten im Prenzlauer Berg, umgeben von Kneipen, Läden, Hedonistenschlupfwinkeln. Sein Arbeitsplatz erinnert eher an eine Waschküche als ein Atelier, Abwasserrohre durchkurven unverschalt den Raum, man hört deutlich das Spülgeschehen der höheren Etagen. Der Mann, der hier arbeitet, duldet keinen Zierrat und keine Verkleidungen, er benützt das alles aber in seiner Arbeit, weil er eine bestimmte Hohlheit und Lügenhaftigkeit liebt: Er ist Bühnenbildner, und zwar einer der wesentlichen. Bert Neumann, geboren 1960 in Magdeburg, aufgewachsen in der DDR, prägt die Ästhetik der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Seine Bühnenräume für den Volksbühnenintendanten Frank Castorf und den Regisseur René Pollesch sind eher eigenständige Siedlungen als bloße Kulissen. Oft haben sie etwas zugespitzt Hässliches und zugleich Verführerisches: Sie zucken im Licht von tausend Glühbirnchen, als wären es bewohnte Flipperautomaten, sie sind trostlos wie die Wüste unter einer Autobahnbrücke und unüberwindlich wie die Kerker von Piranesi. Castorfs Theater wäre undenkbar ohne Neumann. Es kann sein, dass man noch Jahre nach einem Castorf-&-Neumann-Abend an einer Kreuzung in Gelsenkirchen oder einer Baustelle am Rand Heilbronns steht und denkt: "Hab ich schon gesehen! Diese Gegend ist von Neumann!" Man erträgt Hässlichkeit leichter, wenn man seine Räume gesehen hat. Man lernt von ihm, dass Hässlichkeit auch Freiheit und Spielraum bietet: für eine höhere Art von Unschuld. Auch sein karger Arbeitsplatz birgt einen Zauber. Hinter der Werkstattwand befindet sich ein riesiger leer stehender Ballsaal. Neumann müsste die Wand nur durchbrechen und hätte sein eigenes Theater. Eines Tages wird er es wohl tun. Zuvor muss er auf alle Fälle noch nach Wien. Dort wird am 1. Juni eine große Ausstellung eröffnet, die seiner Arbeit gewidmet ist: Setting of a Drama.

Die ZEIT: Herr Neumann, Sie sind berühmt geworden als Bühnenbildner und Co-Chef der legendären Berliner Volksbühne, dem Haus von Frank Castorf. Sie haben die Außenwirkung und die PR des Hauses entscheidend geprägt. Heute gehören Sie der Leitung nicht mehr an. Warum?

Bert Neumann: Ich bin nach wie vor Chefbühnenbildner der Volksbühne, aber mit dem Gesicht der Volksbühne, der subversiven Werbung für das Haus habe ich nichts mehr zu tun. Die Volksbühne war irgendwann nicht mehr Partner, die wollten eine hierarchische Situation, und das war mit uns eben nicht zu machen.

ZEIT: Und warum funktionierte die leitende Zusammenarbeit mit der Volksbühne nicht mehr?

Neumann: Stadttheater sind ja Organismen, die auf Routine und Normalität bauen – und Kunstproduktion beruht auf dem permanenten Ausnahmezustand; zwischen diesen beiden Ansprüchen besteht ein dauernder Konflikt, der in jedem Theater ein wenig anders ausgefochten wird. Lange Zeit war das in der Volksbühne zugunsten des Ausnahmezustands austariert. Das hat sich jetzt geändert.

ZEIT: Der Ausnahmezustand war immer leicht herzustellen?

Neumann: Lange Zeit schon. Wir haben die Stadttheaterdimensionen gesprengt ohne Verausgabung – eigentlich ging’s leicht. Und zwar deshalb, weil alle Lust hatten und alle mitgemacht haben. Heute wird einem andauernd die Frage gestellt: Rechnet sich das? Diese Frage, ich hasse sie, weil sie ein Totschlagargument für alles ist, was Spaß macht. Die besten Sachen haben sich nicht materiell, sondern nur ideell gerechnet – aber das ist der entscheidende Mehrwert!

ZEIT: Sie haben über den Anfang Ihrer Theaterlaufbahn gesagt, am Stadttheater würde Ihnen die Luft wegbleiben, das hielten Sie nicht aus…

Neumann: Weil es hierarchisch funktioniert: Da gibt’s ’nen Regisseur, und von dort oben fließt stufenweise die Macht abwärts. Mit diesem Prinzip hatte ich immer Schwierigkeiten. Für mich war der Glücksfall die Begegnung mit Frank Castorf, der einem diesen Freiraum ließ. Ich hatte den Anspruch, wie ein bildender Künstler funktionieren zu können im Theater. Mit Castorf ging das; es waren alle Teile gleichberechtigt. Es war nie so, dass er einen Entwurf von mir verwarf oder völlig umarbeiten ließ. Das Tolle an ihm ist, dass er eine Setzung akzeptiert – an der arbeitet er sich sozusagen ab.

ZEIT: Sie bauen eine Bühne, und er guckt, wie er damit klarkommt?

Neumann: Er nimmt es als naturgegeben, ja. Und ein Widerstand ist für ihn eher interessant als störend – weil er dann was erfinden muss. Ich kenne viele Regisseure, die sagen: Was, du hast da keine Tür hingebaut? Die brauch ich aber! Castorf entwickelt eine Fantasie, die das anders löst. Das hat wohl mit der DDR-Sozialisierung zu tun: Hindernisse musste man produktiv machen, und Verbote musste man umgehen. Es blieb nur die Unterwanderung. 

ZEIT: Das Castorf-Theater wirkt wie ein Reich der Untoten. Welchen konzeptionellen Anteil haben Sie an dieser Spukhaftigkeit?

Neumann: Theater hat ja sowieso was von einem Totenreich – es findet im Dunkeln statt. Aber eigentlich finde ich Castorfs Theater sehr lebendig in seiner Vergänglichkeit und Unwiederholbarkeit. Es ist nicht wie ein Uhrwerk, das jeden Abend verlässlich abtickt. Es lebt und ist voller Fallen. Je mehr Fallen drin sind, desto unvorhersehbarer wird es.