Am 7. Juli wäre sie 100 geworden, das ist zumindest das Datum, das sie selbst kultivierte, und wer sie nun im Sommer 2010 feiern will, lässt sich auf diese Selbstschöpfung ein. Das Datum ist falsch, man könnte auch selbst gewählt sagen, aber die Frau hat es nicht erfunden, weil sie sich biologisch verjüngen wollte. Die mexikanische Malerin Frida Kahlo wurde tatsächlich am 6. Juli 1907 in Coyoacán geboren, aber sie hat sich umdatiert auf die Geburtsstunde der mexikanischen Revolution von 1910, mit der sie sich politisch identisch fühlte – das neue unabhängige Mexiko, das sich selbst befreit hatte, das wollte sie als lebendiges Denkmal verkörpern. Es wäre also vor 100 Jahren geboren.

Diese Künstlerin, zu deren Werk von 143 Bildern allein 55 Selbstbildnisse zählen, war die farbenreiche Schöpferin ihrer selbst und hat sich doch fortgesetzt als Geschaffene und Gemachte thematisiert, gezeichnet, gequält, sekundär. Sie hat dem Publikum die Frage nach dem Zusammenhang von Schöpfer und Werk, von Kunst und Welt auf unverwechselbare Weise gestellt, "ausschließlich weiblich", wie der surrealistische Dichter André Breton es befremdet und anerkennend ausgedrückt hat, dem Kahlos Kunst wie eine Schleife vorkam, die um eine Bombe gebunden ist. Eine Bombe? Diese Frau hat offenbar Angst gemacht. Dabei fragen doch fast alle Bilder der Kahlo nur danach, wie ein Mensch zur Welt kommt und dort bleibend erkennbar wird als der, der er ist. Sodass er sich im Spiegel und in den Augen anderer wiedererkennt.

In ihr Tagebuch trug Kahlo eine Zeile aus dem altägyptischen Buch der Toten, ins Weibliche übersetzt, ein: Sie sei "diejenige, die sich selbst gebar". Mit der umdatierten Geburt fing es an. Und mit der Geburt fängt es im Werk dieser Malerin immer wieder aufs Neue an. Denn Frida Kahlo hat sie mehrfach erfunden. Sie gestaltete ihren Anfang etwa durch eines ihrer bekanntesten Gemälde: Meine Geburt , von 1932, entstanden nach dem Tod der eigenen Mutter. Kahlo hat in einem Gespräch gesagt, sie sei von Detroit aus nicht mehr rechtzeitig zur sterbenden Mutter gelangt. Aber das trifft nicht zu. Sie war pünktlich vor Ort, wollte die Sterbende, dann die Tote aber einfach nicht sehen. Sie hat dafür gemalt, wie das Sterben und das Zurweltkommen zusammenhängen: Das Gemälde Meine Geburt zeigt unter dem Bild einer Schmerzensreichen auf dem Bett eine Tote unter dem Leichentuch liegen, die ein Kind gebiert, von dem sich kaum erkennen lässt, ob es nun lebt oder nicht. Das Kind ist Frida Kahlo, die Künstlerin selbst.

Ein weiblicher Tod hat die Frau geboren, die zur Malerin wird: Dies ist auch ein Bild für die Grundsituation der Versehrtheit des Kahloschen Lebens und ein Motiv, das lebenslang wiederkehrt. Nicht genug mit einer Erkrankung, vermutlich einer Kinderlähmung, die ein Bein verkümmern ließ, sodass das Mädchen von Kindheit an hinkt. Die Versehrtheit wird vom September 1925 an den ganzen Körper umfassen, besonders den Unterleib. Bei einem Busunfall, der sie im Alter von 19 Jahren mit Frakturen der Wirbelsäule und der Gliedmaßen lebensgefährlich (und für die Dauer des ganzen Lebens) verletzt, bohrt sich eine Stahlstange durch ihr Becken, durch Hüfte und Vagina. Monatelang in ein Gipskorsett gebannt und von unausgesetzten Schmerzen gequält, bekommt die junge Frau von der Mutter einen hängenden Spiegel geschenkt, durch den sie sich malend zum Modell werden kann.

So wird sie zur Schöpferin eines erträglichen Selbst. Die Tote unter dem Leichentuch, die im Gemälde Meine Geburt das Kind Frida gebiert, ist, als Mutter ihrer selbst, zugleich auch die erwachsene Künstlerin Kahlo, die sich neu auf die Welt bringt, weil zu viel verkehrt und zerstört ist an ihr. Eine Frau, die im Laufe der Jahre mehrere Fehlgeburten und Abtreibungen erleidet, aber kinderlos bleibt. Eine weißlich kalte Puppe wird sie auf ihrem Gemälde Ich und meine Puppe neben sich setzen, die so hart wirkt wie sonst in ihrem gemalten Werk nur der Stahl, das Metall, die Nägel, welche die Künstlerin christusgleich quälen. Doch die Wangen und der Nabel der Puppe sind rosig, ihr Blick zugewandt, die Hände sind ausgestreckt. Das Artefakt lebt. Totenmasken indes tragen auf Kahlos Bildern die lebendigen Kinder.

Ein Leben im eigenen Spiegel und im Spiegel der anderen: Der Psychiater Salomon Grimberg, ein Kenner des Lebens wie des Werkes der Kahlo, hat erst vor Kurzem diese Grundsituation der Malerin als eine fehlgeschlagene Mutter-Kind-Bindung beschrieben. Frida Kahlo sei der Mutter ein Ersatzkind für den toten einzigen Sohn gewesen, das Mädchen habe ein wahres Ich beständig verleugnet, um die Sicherheit durch Menschen zu gewinnen, die ihr das Gefühl geben konnten, überhaupt zu existieren, mit der Angst vor der Unabhängigkeit im Nacken wie mit der Angst vor dem Verlassensein.

Um diese Frau rankt sich ein Wald aus Legenden und Mythen. Eins scheint angesichts der Quellen gewiss: Frida Kahlo litt an einer chronischen Unruhe und an Instabilität, die ihr um 20 Jahre älterer Mann, der Kommunist und Maler Diego Rivera, ebenso beheben sollte, wie er sie durch seine zahlreichen Affären doch auch bedingte. Rivera: Das sei der zweite schwere Unfall ihres Lebens gewesen, hat Frida Kahlo einmal gesagt, und man wünschte, es klänge lakonisch oder gar komisch. Doch so klingt es nicht. An anderer Stelle notierte Kahlo: Sie ziehe es vor, sich führen zu lassen, weil sie nicht wisse, wie man selbst die Führung übernimmt. Ein Paradox ist daraus geworden: Er hat sie geführt, während sie ihre eigenen Wege ging, auch mit anderen Männern, der russische Revolutionär Leo Trotzkij war darunter, auch mit anderen Frauen.