Hamarøy in Norwegen, 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Ein stiller Bergsee und direkt daneben, hineingeschoben in die nördliche Idylle, ein Haus des Zwists. Noch über kein Gebäude hat das Land so hitzig, so laut gestritten wie über das Hamsun-Museum. Ein Tempel werde da errichtet, hieß es, ein Tempel für einen Nazi-Dichter. Immer wieder hat sich Bodil Børset, die junge Museumsdirektorin, diesen Vorwurf anhören müssen. "Jetzt haben wir das dunkelste Kapitel aus Knut Hamsuns Biografie in die dunkelste Ecke unseres Neubaus verbannt", sagt sie. "Nicht um es zu verstecken, sondern um es architektonisch zu illustrieren."

Knut Hamsun, der 1920 den Literaturnobelpreis erhielt, war in den dreißiger und vierziger Jahren ein glühender Hitler-Verehrer. Noch 1945 nannte er ihn einen "Kämpfer für die Menschheit"; nie sollte er seine Bewunderung für den Diktator bereuen. Hamsun wurde vom Nationaldichter zur geschmähten Person, vor Gericht zu einer Entschädigung wegen "Schaden gegenüber dem norwegischen Staat" verurteilt und finanziell ruiniert. Ausgerechnet für ihn wird nun, am 10. Juni, ein großes, 20 Millionen Euro teures Literaturzentrum eröffnet.

20000 Besucher pro Jahr sollen künftig kommen, dorthin, wo Hamsun als Kind mehrere Jahre auf dem Pfarrhof seines reichen Onkels verbrachte, der ihn "hungern ließ und tyrannisierte mit Arbeit und Prügel". In seiner Erzählung Bjørger verarbeitete Hamsun dieses Martyrium.

Vermutlich hätte es ihm nicht gefallen, dass nun just an diesem beschwerten Ort ein Museum für ihn errichtet wurde. Doch immerhin hat Steven Holl, einer der besten Architekten der USA, ein Haus in die mächtige Berglandschaft gesetzt, das nicht auftrumpft, sondern stoisch-norwegisch die Ruhe bewahrt. Zwei Themen prägen Hamsuns Werk: die Begeisterung für die Natur als kosmische Kraft und Bühne der Menschheit sowie die radikale Individualität der überspannten Romanfiguren im Zwiespalt ihrer Gefühle. Beide Themen sind in dem Neubau in eine angenehm eigenständige Architektur übersetzt.

Wie in Hamsuns Dichtung finden sich auch in Holls Gebäude immer neue Details und Schrulligkeiten, etwa der zedernholzverkleidete Aussichtsbalkon, eine Anspielung auf den "leeren Geigenkasten" in einem von Hamsuns Romanen. Der sechsstöckige Elfenbeinturm hat in Grund- und Aufriss eine Rhombenform – als würden die widersprüchlichen Kräfte der hypersensiblen Hamsunschen Figuren damit spielen. Innen dominieren weiß gestrichene Betonwände, die den Abdruck ihrer hölzernen Schalung zeigen, und einfache, bisweilen gekippte Terrazzoböden.

Höhepunkt des Rundgangs ist ein kleiner Dachgarten. Er hat "Haare" wie die traditionellen Grasdächer (hier allerdings aus Bambus) und ist ein guter Horchposten, wie die Direktorin es nennt: Von hier aus kann man eine Stromschnelle im nahen Flüsschen Glimma plätschern hören. Den Klang des Tidenhubs hat Hamsun selbst beschrieben. "Literatur, Architektur und Natur kommen hier zusammen", sagt Børset.