Es ist laut auf den Straßen Kinshasa. Sehr laut. Da hupen sich die rostigen Sammeltaxis ihren Weg frei, röhren überladene Lkw wie Gewichtheber bei einem Rekordversuch, kreischen heillos überdrehte Radios. Und doch kann es passieren, dass die Kakofonie plötzlich zu tanzen beginnt. Sich aus einem Hinterhof ein metallisch zirpender, schnarrender Takt in die Geräuschkulisse schiebt: das Kling-Klong von Eisenlamellen, donnernde Trommel-Chants, ein Bass-Brummen wie von einer Riesenhummel. Die Rhythmuswalze erfasst Passanten und spielende Kinder, einige wiegen sich in den Hüften, andere tanzen in kollektivem Taumel um die sechs älteren Männer im Zentrum der Klangwolke: Musiker, von denen jeder ein Lamellofon, eine Trommel, ein selbst gebautes Schlagwerk bearbeitet. Dazwischen Pfiffe, Schreie eines Einpeitschers. Der Lärm schwillt mit der Kraft einer Naturgewalt an und ab. Trudelt wie ein Kreisel kurz vorm Umkippen. Was von Weitem wie Techno aus einem defekten Kassettenrekorder anmutete, entpuppt sich als das wunderbar kontrollierte Chaos eines Likembe-Orchesters.

Likembe, so heißen im Kongo die aus den Blattfedern alter Autos zurechtgeschmiedeten Fingerklaviere. Bands wie Konono No 1 haben sie vor über vier Jahrzehnten aus dem Süden des Landes in die Neun-Millionen-Einwohner-Metropole Kinshasa gebracht und elektrifiziert. Erst vor Kurzem hat die westliche Pop-Avantgarde ihre Trancemusik für sich entdeckt. Und bejubelt die Likembe-Orchester als Techno-Innovatoren, Bindeglieder zwischen Ethnokult und Moderne. Mit einem Interesse für die ländlichen Ursprünge der Musik hat das nicht viel zu tun: Würden hier lediglich Traditionen der alten dörflichen Heimat zelebriert, die Likembe-Orchester hätten wohl niemals Vergleiche mit den Klangexperimenten von Jimi Hendrix, Lee Perry oder den Krautrockern Can produziert oder gar Popstars wie Damon Albarn zu Feldforschungsreisen in den Kongo gelockt. Nein, es ist die surreale Verstärkeranlage von Konono No 1, die die Magie, den ganzen Wahnwitz dieser Truppe ausmacht: Hinter den Musikern reiht sich ein halbes Dutzend noch von den belgischen Kolonialherren stammender "Lance Voix"-Megafone. Eine Wand von Schalltrichtern. Aus den überforderten Lautsprechern scheppern und sirren die Rückkopplungsschleifen, Wellen der Verzerrung, auf denen die Riffs der Fingerklaviere kreiseln wie die Insekten auf den Lehmpfützen neben der Bühne.

Für westliche Ohren ist das eine Offenbarung. Der Beweis, dass die Klangexperimente, die den Pop stets zu neuen Ufern brachten – von Ike Turners nach einem Sturz vom Bandbus unweigerlich verzerrendem Gitarrenverstärker bis zu Grand Master Flashs Scratch-Technik auf dem Plattenspieler –, heute aus der Dritten Welt kommen. Papa Mingiedi, der 76-jährige Bandleader von Konono No 1, ist sich seiner Pioniertat allerdings nicht bewusst. Die Sache mit der Rückkopplung? Sie sei allein der Not geschuldet. "Man muss vor allem laut sein, um gegen das Gebrüll der Lastwagen anzukommen", sagt der alte Mann. "Wir hatten als Dorfmusiker in der Großstadt weder die nötigen Kontakte noch das Geld, um uns eine ordentliche Anlage zu kaufen." Deshalb habe er sein Gehalt als Taxifahrer früher auf dem Schrottplatz ausgegeben: um alte Autos auszuschlachten, Drähte und Magnetspulen als Tonabnehmer für die Fingerklaviere zu suchen. Die Verzerrung war dabei ein ungewolltes Nebenprodukt. Als Teil der Bastardmusik der Likembe-Orchester symbolisierte sie unwillkürlich die Armut und Entfremdung inmitten der Drittweltmetropole, den Zusammenprall der Kulturen, der hier zwischen Ahnenkult und Postmoderne stattfindet.