Herrschaftszeiten, die Oberammergauer, was für ein verrücktes Volk! Leben in ihrem Dorf direkt unterm Kofl, Gipfelkreuz auf 1342 Metern. Nix mit zeitgenössischem Lifestyle, so ein Schmarrn, sondern dermaßen unglobalisiert, dass sogar das Internetcafé verstört. Und jetzt haben s’ wieder dieses Wahnsinnsding gestemmt: das Passionsspiel, die letzten fünf Tage im Leben des Heilands, weswegen von Mai bis Oktober die ganze Welt einfällt ins Dorf an der unfassbar schönen Deutschen Alpenstraße. Die Passionsspiele sind ja quasi eine Oberammergauer Staatsangelegenheit, und weil fünf Monate lang das halbe Dorf auf der Bühne steht, wird jede Änderung an der bewährten Inszenierung mit hinreißendem Aufwand beratschlagt, begutachtet, beredet, auf dass, wie neulich geschehen, manchmal nur noch ein Bürgerentscheid klären kann, ob etwa die angedachte Verlegung des Spiels vom Tag in die Nacht als gut zu gelten hat. Oberammergau ist ein Dorf, das will noch was, das ringt mit sich, da wird’s persönlich, da wird gehasst, geliebt, gelitten, jeder kulturkämpft mit, da rufen und schreien sie den Dramaturgen wegen seiner Textänderungen an, da gibt es Neid und Enttäuschung. Und am End raufen s’ sich noch jedes Mal z’sammen.

5000 Einwohner hat das Dorf, 2400 von ihnen wirken mit im Spiel. Das Passionstheater ist Passion fürs Theater und ein Theater um die Passion, oder so: ein Theater mit Passion, und zwar der höchsten. Ein Theater ums Theater, genau genommen. Womöglich ist dieses derart theatralisch veranlagte Oberammergau der durchgeknallteste Ort Bayerns, geh her: der Welt. Denn das hier gibt’s nimmermehr sonst auf dem Globus. In Oberammergau denkt man ja nicht in Jahren, sondern in Passionsspielzeiten. War irgendetwas im Jahr 1993, sagt man hier: "Des wor nach der neunziger Passion." Geschah irgendwas 2001, sagt man: "Des wor um die 2000er Passion." Und so weiter.

Im Eck des Theater Cafés, 50 Meter neben dem Passionstheater-Spielhaus, sitzt der Mayet Fredi und isst einen Apfelstrudel mit Vanillesoße. Da schreit plötzlich eine Frau: "Do is jo der Christus!" Sie kriegt sich gar nicht mehr ein – der Christus im Café! Der Mayet lächelt, dann dreht sich der Stückl Christian um, der neben dem Mayet einen "Cappu" trinkt. Der Mann der Frau sieht ihn und sagt: "Der Stückl, naaa, der wor doch grad no im Fernsehen!" Die Frau: "Der Christus, i glaub’s net." Der Mann: "Mei, der Christus und der Stückl, und mir sehen die jetzat! Könnten mir ein Autogramm haben?"

Der Christus schreibt nicht "Christus", sondern "Frederik Mayet" und isst weiter und sagt, seit die Leut’ wissen, dass er der Jesus ist im Passionsspiel, grüßt ihn ein jeder, und die Kinder kommen und rufen: "Hallo, Jesus!" Er ist jetzt wer im Dorf, in dem viele mal wer waren. Sechs oder sieben oder mehr Oberammergauer leben im Dorf, die mal den Jesus gegeben haben. Den Jesus geben und überhaupt mitwirken darf nur, wer in Oberammergau geboren wurde, seit zwanzig Jahren dort lebt oder mit einer Oberammergauerin verheiratet ist. Wer den Jesus, die Maria, den Judas, die Magdalena, den Kaiphas, den Pilatus, den Herodes oder das Volk gibt, entscheidet der Stückl, und der Stückl schreibt schwungvoll sein Autogramm, redet bibelfest und psalmzitierend und sagt: "I will net den Gottessohn-Beweis, i ko des nimmer, dieses ›außerhalb unserer Kirche gibt’s ka Heil‹, der Jesus war eine herausragende Persönlichkeit, der muss net besser sei wie der Mohammed oder sonscht wer." Unter Stückls Regie ist der Mayet kein politischer, kein rebellischer, kein leidender, er ist ein leiser Jesus, ein ansteckender, glaubensfroher, der die Leut’ zum Umdenken auffordert und das Gegenteil der müden Kirchen und ihrer fragwürdigen Repräsentanten darstellt, Stichwort Kloster Ettal, vier Kilometer B23 ostwärts, wo auch der Stückl zur Schule ging und fast alle anderen Oberammergauer. Nein, der Missbrauch ist hier und jetzt überhaupt ka Thema!

Der Mayet ist g’rad dreißig geworden und hat einen Vollbart und schulterlange, dunkelblonde Haare. Blaue Augen. Sanfter Blick. Überhaupt ein sanfter Typ. Der Stückl dagegen– ein Vitalist! Kurz unter 50, dunkle Locken. Der Mayet zart und zerbrechlich, der Stückl berstend vor Energie, mit raumdurchdringender Stimme. Beide urbayerisch, beide in Oberammergau geboren. Beide im Nichtpassionsleben am ziemlich verjüngten Münchner Volkstheater, Stückl Intendant, Mayet Pressesprecher. Wer in Oberammergau aufwächst, gerät schon als Kind in die Passion für die Passion, fürs Theater, für die Musik, fürs Spiel. Das Dorf ist ein Theatermenschengenerator und Kreativitätsdurchlauferhitzer; schon erstaunlich, wie viele Künstler aller Fächer von hier stammen: Schauspieler, Musiker, Bühnenbildner, Spezialeffektgestalter, Beleuchter auf dem Theater oder beim Film in München oder sonst wo.

Der eine will Spektakel, der andere Trost – ergriffen werden wollen alle

Viel Zeit für Strudel und Cappu bleibt nicht, gleich sind weitere Proben angesetzt, 800, gar 1000 Leut’ auf der Bühne, manchmal ein Pferd und ein Kamel, der Stückl mit Mikro und rauchend, Kette. Da sitzt dann der Mayet Fredi neben dem Orchestergraben und wartet, manchmal stundenlang, auf seine manchmal nur sieben Sätze, trägt schwarze Wollmütze, Diesel-Jeans, Turnschuhe und Multifunktionsjacke. Der 2010er Christus ist ein Snowboarder aus Passion. "Dass das Dorf im Spiel zusammenfindet", sagt er, "ist immer wieder eine riesige Gemeinschaftsleistung." Freundschaften entstehen, und Diskussionen zwischen 17- und 70-Jährigen dauerbrennen darüber, wer dieser Jesus war, was er wollte und ob er ein politischer Mensch war. Die Passion ist das einende Band der Oberammergauer, weil fast jeder Oberammergauer schon mal auf der Bühne stand, mancher zum achten Mal in achtzig Jahren. Das Spiel ist das große Dorf-Narrativ über die Zeiten hinweg, das den Ursprungsmythos in die jeweilige Gegenwart rettet.

1632 kam die Pest über die Berge und raffte 84 Oberammergauer dahin. Das war mitten im Dreißigjährigen Krieg, und die Gemeinde fühlte sich von Gott verlassen. Was tut der fromme Mensch, wenn’s dem Ende zugeht? Er betet und legt ein Gelübde ab. Also taten’s die Gemeindevorsteher und beschlossen 1633: Sollte der Herr sie von der Seuche verschonen, werde das Dorf zum Dank alle zehn Jahre "das Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus" zur Aufführung bringen. Ihr Ansinnen fand Gehör, die pestilentia blieb aus, und zu Pfingsten 1634 erfüllten die Überlebenden ihr Versprechen zum ersten Mal auf dem Gemeindefriedhof. 200 Jahre später verlegte man das Spiel auf die Passionswiese, immer ein Stückel mehr wurden die Holzbühne ausgebaut, Kulissen erweitert, die Bühnentechnik perfektioniert, ein Zuschauerraum erbaut, bis das Theater 1929 seine heutige, monumentale Form erhielt und 2008 eine fahrbare Dachkonstruktion aus Stahl und Kunststoff über die Freilichtbühne gewuchtet wurde. 

 Bekanntlich kam die Pest nicht mehr zurück, und die Passionsspiele sind heute nicht nur in der Welt einzigartig, sondern auch ein millionenschweres Reiseveranstalter-Highlight und das überlebenswichtige Groß-Event für die weitgehend gewerbefreie Gemeinde, der es, so hört man, schon einmal besser ging. Der Passionsspiel-Etat 2010: 32 Millionen Euro (davon 20 Millionen Gagen), Umsatzerwartung: 100 Millionen. Vollständig eigenfinanziert, das Ganze – aber ach: die Krise. In Amerika stockt der Markt, die gewohnten 100 Prozent Auslastung werden’s wohl nicht werden, aber in Ogau, wie man kurz sagt, ist die Hoffnung zu Haus und mit ihr der Glaube an die Erlösung. Es ist ja schier unmöglich, auf fünfzig Metern hier nicht irgendeinem ans Kreuz geschlagenen Jesus zu begegnen, als Kruzifix, als Schnitzwerk, al fresco. Verwunderlich nur, dass Oberammergau selbst nicht in Kreuzform entstand…