Irgendwo in Ostwestfalen-Lippe – die Wiesen blühen, die Wirtschaftskrise stoppt die Sanierung holpriger Kreisstraßen – zockeln Dutzende Literaturliebhaber durch die Natur. Sie schleppen Stühle und Bücher, lassen sich auf freiem Felde nieder oder bevölkern Schlossgärten, Hofgüter und Truppenübungsplätze. Das Festival "Wege durch das Land" lockt seit zehn Jahren berühmte Schauspieler, Autoren und bis zu 8000 Besucher pro Saison auf entlegene Hügel. Zwischen den Klappstuhlträgern: Brigitte Labs-Ehlert. Sie hat bisher nicht eine der Lesungen mit Konzert verpasst – die künstlerische Leiterin hat vielmehr vor jeder eine kleine Einführungsrede gehalten.

Im Festivaltross liefe sie vermutlich nie vorweg, sondern hinge leicht zurück, in ein Gespräch vertieft: ganz gleich, ob mit einem Gymnasiallehrer oder einer Studentin, mit der Nobelpreisträgerin Herta Müller oder einem der Veranstaltungstechniker. Ihre dunklen Augen funkeln, die etwas hakigen Gesten unterstreichen die Begeisterung, mit der die 58-Jährige unablässig Texte entdeckt und zu entschlüsseln versucht, um sie dann mit anderen zu teilen. Seit die promovierte Germanistin 1990 mit Mann und drei Kindern aus Frankfurt am Main nach Detmold zog, hat sie die Region regelrecht umgegraben und geschaut, welcher Schriftsteller mit welchen Orten wann wie in Beziehung stand. In 20 Jahren als Kulturmanagerin hat sich in ihren Programmen nicht ein Text oder Musikstück wiederholt. Wobei "Kulturmanagerin" eine Bezeichnung ist, die sie erst höflich über sich ergehen, dann jedoch mit einer gewissen Strenge argumentativ zerlegen würde.

Das "Land" ist für die Kulturvermittlerin (schon besser) nicht etwa ein politisch eingegrenztes Territorium. Sondern ein Synonym für Kultur in historischer Etymologie: beackerte Landschaft, geprägte, veränderte, gezähmte Wildnis. Mal sagten ihr Besucher, sie hätten sich wie im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts gefühlt, als sie im pastellfarbenen Sommerabend Musik, Lyrik und dem Wind lauschten und dabei auch noch picknickten. Mal sagten ihr Schauspieler, sie hätten erst durch ihre Beharrlichkeit, sie als Vorleser zu gewinnen, wirklich lesen gelernt. Und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Rüttgers sagte Brigitte Labs-Ehlert jüngst eine Förderung für drei Jahre zu.

Die "Wege durch das Land" sind ein intellektuelles Wagnis, kein Platz für das Klunkerklimpern der Provinzprominenz. In diesem Sommer leiht Otto Sander seine tiefe Stimme einer Betrachtung des Paderborner Gelehrten und Jesuiten Athanasius Kircher über die Geräusche der Vögel. Labs-Ehlert hat den unbekannten Text aus dem 16. Jahrhundert selbst entdeckt und lässt ihn gerade für die Lesung aus dem Lateinischen übersetzen. Dazu trägt Michael Lentz aus seinem aktuellen Gedichtzyklus vor, der Violinist Peter Sheppard Skærved spielt Bach – und Bingham. Es gibt ausgedehnte Pausen zum Diskutieren. Kurzum: Da pfeift jemand auf Marketingstrategien und bewährte Kombinationen, sondern vertraut auf seine Neugierde und sein Wissen.

Dabei wirkt Brigitte Labs-Ehlert nicht wie eine Intendantin, sondern eher so, wie man sich Professorinnen wünscht: unfassbar gebildet, aber nicht arrogant. Etwas streng und zielbewusst, aber nicht patzig. Fantasievoll und mitteilsam – aber niemals belehrend. Es ist daher fast schade, dass man Eintritt berappen und ein Auto parat haben muss, um sich vom klugen Zauber dieser ländlichen Uni auf Zeit umwehen zu lassen. Weil es Labs-Ehlerts oberstes Ziel ist, die Liebe zur Literatur zu teilen, träumt sie schon vom nächsten Projekt: einer Poesie-Akademie mit Stipendien für begabten Nachwuchs. Die dürfe ruhig auf dem Land in Ostwestfalen entstehen.

Informationen:

Das Festival "Wege durch das Land" findet bis 31. Juli. an wechselnden Veranstaltungsorten statt. Die Einrittspreise sind abhängig von der Art der Veranstaltung. In diesem Jahr gibt es die "Carte blanche": Alle Besucher bis 28 Jahre bekommen für ausgewählte Veranstaltungen Karten zu je 15 €. In der Saison 2010 stehen dafür die Veranstaltungen im Werk Kolbus am 26. Juni sowie die Lesungen und Konzerte auf dem geschichtsträchtigen Bilster Berg am 31.7. zur Auswahl. www.wege-durch-das-land.de