Die Kirschen würden in hiesiger Gegend niemals süß und essbar, spöttelte der nie um ein Bonmot verlegene Johannes Brahms im August 1885 über das obersteirische Mürzzuschlag. Vielleicht aber wollte er auch nur erklären, weshalb ihm sein jüngstes Opus ein wenig spröde geraten war. Im Schatten von Rax und Semmering weilte der Meister aus dem nahen Wien 1884 und 1885 auf Sommerfrische. Die Welt verdankt diesen Arbeitsurlauben Brahms’ Vierte Sinfonie – und Mürzzuschlag ein sehr gutes Marketingargument. Leider nur das zweitbeste, sagt Ronald Fuchs, der Gründer des Internationalen Brahmsfestes Mürzzuschlag. Am besten zieht immer noch die Eisenbahn, aber davon später.

Fuchs ist ein umtriebiger Mann. Zweifacher Museumsgründer, Festivalleiter und konzertierender Cellist, Inhaber des ersten Bekleidungshauses am Platze ("Mode von Jung bis Alt"), eines lokalen Handelsimperiums (10 Geschäfte, 70 Mitarbeiter") sowie Obmann des Stadtmarketingvereins. Sein Herz schlägt für Brahms (das Foto zeigt ihn im Kammermusiksaal seines Festivals neben einer Attrappe des Komponisten). Fuchs kennt alle Anekdoten zu den insgesamt neun Monate währenden Aufenthalten des Komponisten in der kleinen Stadt. Er weiß, für welche Wirtstochter Brahms schwärmte, welche Bürgershäuser er mit seinem Besuch beehrte. Sogar die Programme einiger Hauskonzerte konnte Fuchs recherchieren. Wenn er in Rente sei, sagt er, werde er wohl noch eine Magisterarbeit zum Thema schreiben. Derweil aber geht seine Mission weit darüber hinaus, die Erinnerung an den berühmten Besucher wachzuhalten.

"Die Ära der Sommerfrischler ist für Mürzzuschlag lange schon vorbei", sagt Fuchs ganz ohne Wehmut und erzählt im sachlichen Tonfall des Kaufmanns, wie es war, als der Fremdenverkehr im Mürztal noch blühte. Vor allem dank der Semmeringbahn, die seit 1854 das niederösterreichische Gloggnitz mit dem steirischen Mürzzuschlag über 459 Meter Höhendifferenz verbindet. Eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. 14 Tunnel, 16 Viadukte und über hundert Brücken verwandelten das verschlafene Nest in einen Verkehrsknotenpunkt auf der Strecke zwischen Wien und Triest, machten die idyllische Bergwelt für das Wiener Bürgertum bequem erreichbar. Auch Brahms reiste so "über den Sömmering".

Doch mit der Bahn kam auch die Industrialisierung. Aus den alten Hammerhütten entwickelte sich eine moderne Eisen- und Stahlindustrie. Bald schon verschandelten die Schlote der Hochöfen, Walzwerke und Rüstungsbetriebe die reizvolle Landschaft. Die Wirtschaft prosperierte, die Gäste blieben aus. Doch als die einst so stolze Schwerindustrie in den 1970er Jahren in die Krise kam, stand Mürzzuschlag vor dem Nichts.

"Der Tourismus hat hier nicht mehr viel gegolten", sagt Fuchs, "und es dauerte lange, bis man sich wieder daran erinnerte." Fuchs selbst hat einiges dazu beigetragen. 1991 richtete er in dem malerischen Adelspalais, das Brahms einst als Feriendomizil diente, ein Museum ein – keine reine Devotionalienschau, sondern eine Ausstellung zu den Brahmsschen Komponiersommern in Pörtschach, Ischl, Pressbaum und natürlich in Mürzzuschlag.

Auch das jährliche Brahmsfestival, das Fuchs mit der Sopranistin Helena Dearing ausrichtet, hat inhaltlichen Anspruch. In 13 Konzerten und Vorträgen dreht sich in diesem Jahr alles um Brahms und seine musikalischen Weggefährten. Im Museum, in einem revitalisierten Kloster und auf einer Landpartie sind renommierte Interpreten zu Gast, darunter das Altenberg Trio und die Wiener Singakademie, deren Leitung Brahms selbst einst innehatte. Auch Ronald Fuchs wird auftreten – als Cellist. Die Festivalatmosphäre sei familiär, sagt Fuchs, man habe verlässliche Stammgäste sogar aus Japan. So beschere Johannes Brahms dem kleinen Mürzzuschlag jährlich 6000 Besucher. Damit ist er aber eben nur die zweitgrößte Attraktion der Stadt.

Die Semmeringbahn zieht besser. 13.000 Eisenbahnnostalgiker fahren jedes Jahr auf der alten Trasse über den Semmering, um dieses Denkmal der industriellen Revolution zu bestaunen. Natürlich hat Ronald Fuchs längst auch dafür ein Museum gegründet.

Das Internationale Brahmsfest in Mürzzuschlag wird vom 8. bis 12. September gefeiert.