Kaum 200 Meter lang ist der Trampelpfad ins Glück des Boris Sieverts. Links eine Bruchbude aus roten Backsteinen, in deren Hof eine Kreissäge schreit. Rechts eine wilde Müllkippe, auf der ein rostbraun vertrockneter Weihnachtsbaum triumphiert. Im Rücken strebt ein babyblau bemalter Betonschrein himmelwärts, in dem eine Marienstatue segnend die Hände hebt, während ein Neon-Heiligenschein ihren Kopf bestrahlt. Am Ende des Weges türmen sich nagelneue Frachthallen des Warschauer Flughafens, von oben kommt das Donnern eines Jets im Landeanflug. "Toll", sagt Boris Sieverts, "in solchen Gegenden fühle ich mich am wohlsten, so entspannt."

Boris Sieverts in Warschau

Der Kölner Künstler ist ein Stadtversteher der besonderen Art, das sieht man schon an seiner Ausrüstung: Schuhe, Hose, Rucksack, Jacke würden auch für ein Nepal-Trekking taugen. Dabei führt seine Expedition nur ins Niemandsland jenseits der touristischen Hochglanzfassaden. "Hier sieht man, was eine Stadt selbst sein will, auf welchem Grund sie gebaut ist." Deshalb organisiert er mit seinem "Büro für Städtereisen" Pauschaltouren durchs Randständige, auf der Suche nach der "unfreiwilligen Poesie" jener Zonen, in denen kein überwölbender gestalterischer Wille am Werk war und ist. Und davon ist Warschau voll.

In seiner vorübergehenden Wohnung im 15. Stock eines Hochhauses am Powązki-Friedhof hat Sieverts eine ganze Wand mit einem Stadtplan tapeziert, Maßstab 1:10000. Die interessanten Stellen hat er darauf mit einem Leuchtstift markiert, und dazu gehört nicht das Weltkulturerbe Altstadt, die nach der totalen Zerstörung durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg originalgetreu wieder aufgebaut wurde, und auch nicht der 234 Meter hohe Kulturpalast mit seinen 3288 Räumen, den Stalin der Stadt 1952 "schenkte". Sieverts hat Autobahnunterführungen und Gleisdreiecke auf der Karte angestrichen und immer wieder eine Struktur, die er "barcode urbanism" nennt. Sie entsteht, wenn die handtuchschmalen, extrem langen Äcker Ostpolens für den Wohnungsbau erschlossen werden. Stichstraßen stoßen tief ins Gelände vor, daran kleben dutzendweise frische Einfamilienhäuser. Wie die schwarzen Striche eines Barcodes liegen die Neubaugebiete unverbunden nebeneinander, oft genug durch einen Zaun und eigenes Wachpersonal vom Strich nebenan getrennt – in einer gated community nach amerikanischem Vorbild zu wohnen ist in Polen ein Statussymbol geworden. So entsteht ein geometrisch exakter Wildwuchs, denn eine zentrale Planung gibt es nicht. "Noch ist das interessant", sagt Sieverts, "so ein Pioniermoment. Aber wenn am Ende alles erschlossen ist, wird es verheerend sein." Zu Fuß, auf dem Fahrrad, mit Straßenbahn, Fähre und Pferdewagen sollen seine Reisegruppen im Mai diesen "totalen Aberwitz" erkunden; im Moment sucht er noch nach den passenden Wegen, "die überraschend und zugleich zwangsläufig sind". Übernachtet wird in Zelten auf dem Brachland zwischen den Barcodes, ganz romantisch mit Lagerfeuer und Grill.

Städtereisen mit Sieverts sind zweitägige Performances, akribisch recherchierte und minutiös geplante Auftragskunstwerke. In ganz Europa war der Mann, der nach dem Kunststudium als Schäfer arbeitete, schon aktiv, diesmal ist das Goethe-Institut sein Auftraggeber. Promised City heißt das Großprojekt, das der umtriebige Warschauer Institutsleiter Martin Wälde angestoßen hat, um den Verheißungen dreier widersprüchlicher Metropolen nachzugehen: Berlin, Warschau, Mumbai. So verschieden wie die Städte sind auch die 16 Einzelteile des Projekts, zu denen Kunst- und Fotoausstellungen, Theaterinszenierungen, eine Vortrags- und Filmreihe, Austauschprogramme für Schriftsteller und Journalisten gehören – und eben Boris Sieverts’ Weg ins Glück.