Natürlich redet er nicht als Erster. Vorher darf der Minister ans Mikrofon. Rainer Brüderle spricht über das zarte Pflänzchen Aufschwung, über dessen Pflege und dass er nun einen "Konjunkturbus" auf Tour schicke – damit das Land mehr über staatliche Förderprogramme lerne. Brüderle spricht zum Publikum, scherzt mit den Zuhörern und lächelt für die Kameras: Das dauert genau sechs Minuten.

Dann ist Ulrich Schröder dran. Der elegante, hochgewachsene Mann wendet sich zunächst nicht dem Saal zu, sondern dem Minister. Er dankt ihm, ergänzt Zahlen und Fakten und erwähnt nonchalant, dass es eigentlich sein Haus sei, das den Bus durch die Republik lenke, aber natürlich "subsidiär" für das Ministerium. Jeder im Raum soll hören, wer Koch ist und wer Kellner. Der Mann braucht dafür fünf Minuten und dreißig Sekunden.

Die Form wahren, Hierarchie demonstrativ akzeptieren und doch nicht tief stapeln: Ulrich Schröder beherrscht das bis zur Perfektion. Der 58-Jährige ist der Chef der KfW Bankengruppe. Er bestimmt über die größte nationale Förderbank der Welt, verantwortet eine Bilanzsumme von 400 Milliarden Euro – und nun auch den deutschen Kredit für das klamme Griechenland. Schröder ist ein Banker in Diensten des Staates, denn dem gehört die KfW. Das vergisst er keine Sekunde.

Seinen Job verdankt er dem IKB-Debakel

Seinen Aufstieg verdankt der gebürtigen Niedersachse der Bundeskanzlerin. Ihre Regierung beförderte ihn 2008 auf den KfW-Chefsessel. Die Berufung von Ulrich Schröder sagt viel über die Lehren, die die Politik aus der Finanzkrise gezogen hat. Und über den Typ Banker, der heute gefragt ist.

Schröder ist ein Krisengewinnler. Eine Stieftochter der KfW, die Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB, hatte sich am amerikanischen Immobilienmarkt verzockt und musste 2007 mit Milliardenhilfen gerettet werden. Die frühere SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier verlor darüber ihren Job als Vorstandsvorsitzende.

In diesen Tagen kommt das alles wieder hoch. Denn ihr Nachfolger Schröder denkt darüber nach, ob er nicht die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs, die der IKB so manches faule Papier untergeschoben hatte, auf Schadensersatz verklagen soll. "Die Ermittlungen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC führen möglicherweise zu einer neuen Sachlage", sagt er.

Schröder war gerade elf Tage im Amt, als sich die Lage zuspitzte. Am 15. September 2008, einem Montag, ging die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers in die Insolvenz. Über das Wochenende hatte sich das schon abgezeichnet. Trotzdem überwiesen die Computer der KfW morgens noch 300 Millionen Euro nach New York – ein kleiner Fehler mit großen Folgen. Deutschlands dümmste Bank, titelte die Bild-Zeitung.

Über Nacht wurde die KfW zum Inbegriff des ineffizienten Staatsbetriebes. Ulrich Schröder wusste: Wenn er darüber nicht stolpern würde, dann würde er viel aufzuräumen haben. Er stolperte nicht. Und ging in die Offensive. Ihm war klar: Der KfW hilft nur der Neustart. Schröder stellte Abteilungen auf den Kopf, krempelte die Risikokontrolle um und hielt Motivationsreden, adressiert an die Mitarbeiter. Und dann begrub er den Traum seines Vorgängers: den von der KfW als einer echten Bank.